Allgäu ⇏ rechtsaußen veröffentlicht das geheime Flugblatt zum Neonazikonzert »Angry, Live and Loud 2« am 14. Juli 2018 in Stockbeuren bei Aichstetten im Landkreis Ravensburg.

So radikal war das Skinhead-Konzert bei Aichstetten

Trotz Verbot zieht Voice of Anger erneut Anhänger einer international vernetzten militanten Neonaziszene ins Allgäu. Das zeigt der Konzertflyer, den Allgäu ⇏ rechtsaußen heute veröffentlicht.

Niemand hätte davon erfahren sollen: »Keine Veröffentlichung im Internet – nur intern weiterleiten«, befiehlt das Flugblatt der rechtsradikalen Skinheadkameradschaft Voice of Anger. Wäre alles nach Plan gelaufen, hätten sich am vergangenen Wochenende bis zu 200 Neonazis von der Öffentlichkeit unbemerkt im Allgäu zu einem Rechtsrock-Konzert treffen können.

Doch der Plan ging Schief: Bayerische Behörden erfuhren von den Konzertplänen und erließen ein Verbot. Die Polizei verhinderten den Aufbau eines Festzeltes bei MemmingenDie Neonazis aber wichen einfach in den benachbarten Landkreis Ravensburg jenseits der bayerischen Grenze aus, wo sie in Stockbauren bei Aichstetten problemlos feiern konnten.

Von der Polizei war bislang nur zu erfahren, dass vier Bands aufgetreten sind. Jetzt veröffentlicht Allgäu ⇏ rechtsaußen das unter der Hand verteilte Flugblatt. Die Liste der darauf aufgeführten Bands zeigt, wie radikal das Klientel ist, das Voice of Anger in die Region zieht.

Allgäu ⇏ rechtsaußen veröffentlicht das geheime Flugblatt zu m Neonazikonzert »Angry, Live and Loud 2« am 14. Juli 2018 in Stockbeuren bei Aichstetten im Landkreis Ravensburg.
Allgäu ⇏ rechtsaußen veröffentlicht das geheime Flugblatt zu m Neonazikonzert »Angry, Live and Loud 2« am 14. Juli 2018 in Stockbauren bei Aichstetten im Landkreis Ravensburg.

Elite militanter Naziskinheads

Der Headliner des Abends war zweifellos die finnische Band Mistreat (engl. Misshandeln/schlechte Tat). Das 1988 gegründete Rechtsrock-Urgestein aus Kouvola genießt innerhalb der neonazistischen Musikszene einen hohen Status und gilt als erste finnische Band, die ein Musikalbum mit rassistischen Texten veröffentlichte. Einen Großteil der von Mistreat veröffentlichten Alben hat die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien indiziert.

Mistreat gilt als erste finnische Band, die ein Musikalbum mit rassistischen Texten veröffentlichte und genießt innerhalb der neonazistischen Musikszene einen hohen Status . Am 14. Juli spielte die Band auf Einladung von Voice of Anger im Landkreis Ravensburg.
Mistreat gilt als erste finnische Band, die ein Musikalbum mit rassistischen Texten veröffentlichte und genießt innerhalb der neonazistischen Musikszene einen hohen Status . Am 14. Juli spielte die Band auf Einladung von Voice of Anger im Landkreis Ravensburg.

Der Band werden enge Kontakte zu den Hammerskins nachgesagt, die sich bereits 1986 unter dem Namen Hammerskin Nation in den USA gründeten und heute Ableger in ganz Europa, aber auch etwa in Neuseeland und Australien unterhalten. Das Netzwerk besitzt einen hohen Organisationsgrad und versteht sich als Elite militanter Neonaziskinheads. Im Sinne der rassistischen White Power-Bewegung möchte die Gruppierung eine »weiße Vorherrschaft« durchsetzen. Die Hammerskin Nation lud Mistreat 2016 ein, auf ihrem USA-weiten treffen in Georgia aufzutreten.

Terrorkonzepte für Untergrundgruppen

Kommando Skin haben ebenfalls Erfahrung mit internationalen Auftritten. Im März 2008 spielten die Württemberger auf einem »Gedenkkonzert« für die Band Violent Storm (engl. Gewalttätiger/Brutaler Sturm) in England. Die Bühne, auf der auch Kommando Skin spielten, war mit einem Banner von Blood and Honour Deutschland und anderer einschlägiger Symbolik versehen. Bereits Jahre zuvor wurde das Neonazinetzwerk in der Bundesrepublik verboten, ist aber heute weiter aktiv.

Die Bühne, auf der auch Kommando Skin spielten, war mit einem Banner von Blood and Honour Deutschland und anderer einschlägiger Symbolik versehen. Screenshot eines Szeneeigenen Konzertberichts.
Die Bühne, auf der auch Kommando Skin spielten, war mit einem Banner von Blood and Honour Deutschland und anderer einschlägiger Symbolik versehen. Screenshot eines Szeneeigenen Konzertberichts.

Blood and Honour (B&H) organisierte ein Millionengeschäft mit der Verbreitung von neonazistischer Musik, brachte aber auch Terrorkonzepte über Zeitschriften, Booklets und Liedtexte in Umlauf und koppelte diese mit den Aufrufen, zur Tat zu schreiten. Denen, die den Kampf gegen System und »Volksfeinde« als »Untergrundgruppen« aufnehmen wollten, lieferte B&H laut NSU-Watch Anleitungen und bot ihnen Anlaufstellen. Wie das Publikum auf solchen Konzerten ideologisiert und aufgestachelt werden, zeigen heimlich gefilmte Videoaufnahmen einer Veranstaltung von Blood and Honour, die Allgäu ⇏ rechtsaußen im Oktober veröffentlichte.

Nicht das erste Rechtsrockkonzert

Erst Anfang Oktober trat Kommando Skin im Kreis Ravensburg auf. Auch damals lud Voice of Anger zu einem Konzert unter dem Motto Angry, Live and Loud auf ein nur wenige Kilometer entferntes Gehöft, das kurz zuvor in das Eigentum eines Anhängers der Allgäuer Neonazikameradschaft überging. Den seinerzeit ebenfalls im Geheimen verteilten Flyer veröffentlichte Allgäu ⇏ rechtsaußen kurz vor dem Event und ließ so die rechtsradikale Veranstaltung auffliegen. Dennoch konnte das Fest wie geplant stattfinden.

Die Proissischen Herzbuben sind bislang – jedenfalls unter diesem Namen – wenig öffentlich in Erscheinung getreten. Auf eine parlamentarische Anfrage der Grünen-Abgeordneten Katharina Schulze zur Rechtsextremen Musikszene in Bayern listete die bayerische Staatsregierung Anfang Juni einen Auftritt der Band. Demnach traten die Proissischen Herzbuben am 13. Januar 2018 vor etwa 80 Personen in einem leerstehenden Fabrikgebäude im mittelfränkischen Wachenroth auf.

Neues Rekrutierungsfeld im Landkreis?

Ein Deutscher Schäferhund bewacht das Anwesen, auf dem wenige Tage zuvor noch bis zu 200 Neonazis aus ganz Europa feierten
Ein Deutscher Schäferhund bewacht das Anwesen, auf dem am 14. Juli 2018  bis zu 200 Neonazis aus ganz Europa feierten.

Kotten, der vierte und letzte Act, den das Flugblatt für das Konzert am vergangenen Wochenende in Stockbauren ausweist, trat neben Crophead ebenfalls im Januar in dem Fabrikgebäude bei Erlangen auf. Im August sollen beide Bands neben anderen ein Konzert in Sachsen spielen. Einige der angekündigten Bands sind als einschlägige Rechtsrock-Bands bekannt, geben sich aber ein unproblematisches »Oi!«-Image und behaupten von sich selbst, »unpolitisch« zu sein.

Die Bühnenbesetzung im August gehört auch zum rechtsradikalen Musiklabel Oldschool Records oder zu Subcultural Records. Das ist kein Zufall, denn hinter beiden Projekten steht der Plattenproduzent Benjamin Einsiedler, der offenbar gezielt versucht, eine sich zunächst nicht als rechts verstehende Musikszene mit einschlägigem Neonazi-Publikum zusammen zu bringen.

Teils hatte der Allgäuer damit bereits Erfolg. Er gilt als Führungsfigur von Voice of Anger, die der Verfassungsschutz seit Jahren als größte Gruppe ihrer Art in Bayern führt. Nach der Erfahrung, dass man im Landkreis Ravensburg sogar Konzerte problemlos durchführen kann, die im Freistaat verboten wurden, dürfte die Szene in der Region ein weiteres Rekrutierungs- und Betätigungsfeld wittern.

7 Gedanken zu „So radikal war das Skinhead-Konzert bei Aichstetten“

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