Im Video unterhalten sich Robert Briechle und der Neonazi Frank Willy Ludwig über den Mutterhof, die Berichterstattung über ihre Aktivitäten und »due Verantwortung der weißen Rasse«. (Screenshot Youtube)

Mutterhof: Grün umrankte rechtsradikale Ideologie aus der »Thing Au«

In seiner professionellen PR kommt der Mutterhof in Unterthingau als modernes Pionierprojekt für eine ökologische und nachhaltige Zukunft daher. Doch wer genau hinsieht, stößt auf antisemitische Verschwörungsthesen und die Sehnsucht nach einer völkischen Revolution.

Der Mutterhof sei eine »ewige Idee«, heißt es auf der Homepage des Unterthingauer Projekts. Das Ziel: »Ein bedürfnisorientiertes, glückliches Leben aus und in der Fülle und dem Einklang mit der Natur«. Dafür sucht Permakultur-Enthusiast Robert Briechle »Bioniere für künftige Lebensräume«. Mit einem hochprofessionell produzierten Werbevideo will er sie gewinnen. Darin beklagt er den »Humus- und Artenschwund«, sowie das »degenerieren der Agrarflächen«. Dagegen soll sein Hofprojekt »möglichst vielen Menschen einen Weg für ein Leben auf dem Land im Einklang mit der Natur eröffnen und damit die ganzen Lebensräume für alle Lebewesen erschaffen.«

Sehnsucht nach einem Leben im Einklang mit der Natur

Wöchentlich veranstaltet der Mutterhof einen Obst- und Gemüsemarkt für die »Thing Au«.
Wöchentlich veranstaltet der Mutterhof einen Obst- und Gemüsemarkt für die »Thing Au«.

Auf dem Weg dahin wandle der Mutterhof seine Grünflächen zu permakulturellen Familiengärten, erhöhe die örtliche Biodiversität, habe ein »Forschungsprojekt für neue ländliche Strukturen« auf den Weg gebracht, stelle ein »Kursangebot für Schulen, Universitäten und sonstige Bildungseinrichtungen«. Nachhaltigkeit und lokale Kreisläufe soll der hofeigene Wochenmarkt voranbringen, »über den sich die vom Dorf mit gutem Gemüse und lokalen Produkten versorgen können«, erklärt Briechle im breiten Dialekt.

Bilder einer glücklichen alternativ gekleideten Familie im Grünen, in und mit der Natur lernende Kinder sowie eine entsprechende musikalische Untermalung sollen ein Gefühl von Harmonie und Frieden erzeugen, die Sehnsucht nach einem Leben im Einklang mit der Natur wecken – und monetäre Unterstützung für den Biolandhof einwerben. Doch was im Werbevideo als modernes Pionierprojekt für eine ökologische und nachhaltige Zukunft daherkommt, sieht bei genauerem Hinsehen ganz anders aus.

»Eine Familie lebt auf einem Hektar Land. Punkt!«

Der »Permakultur-Bionier« Robert Briechle beim Vortrag über Ökolandbau und seinen Mutterhof in der »Thing Au«. (Screenshot Youtube)
Der »Permakultur-Bionier« Robert Briechle beim Vortrag über Ökolandbau und seinen Mutterhof in der »Thing Au«. (Screenshot Youtube)

Die Mutterhof-Produkte etwa bietet das Projekt auf dem eigenen Wochenmarkt als »Marke Thing Au-Theke« an. Bei den alten Germanen bezeichnete das »Thing« eine Versammlung. Dort hielten als erwachsen geltende Männer unter Vorsitz des Stammes- oder Sippenoberhauptes Gericht oder führten kultische Rituale durch. Frauen, Kinder, Fremde oder Sklaven waren nicht zugelassen. Von dieser archaischen Rechts- und Gesellschaftsform schwärmte Robert Briechle bereits vor rund einem Jahr gegenüber Allgäu rechtsaußen als Modell für die heutige Zeit. Mutterhof-Anhänger bezeichnen Unterthingau, die Gemeinde, zu der das Projekt gehört, gerne als »Thing Au«.

Auch auf Youtube ist der Mutterhof aktiv. Im eigenen Kanal erscheinen immer wieder Gespräche von Robert Briechle mit Hofbesucher_innen und andere Kurzfilme über den Mutterhof, Ökologie und Permakultur. Meist sind die Filmchen harmlos. Doch das gilt nicht immer, wie etwa bei einem Gespräch vor rund einem Jahr mit Markus Rüegg deutlich wird. Dort erklärt Robert Briechle dem rechten Verschwörungsideologen und Permakultur-Aktivisten aus der Schweiz, welche Idee hinter seinem Projekt steht: »Mutterhof kam dadurch, dass ich 2003 auf echt schöne Bücher, mittlerweile sind’s zehn Bücher in acht Bänden von einem russischen Autor über eine russische weise Frau, die dort altes Wissen und das Leben früherer Hochkulturen erhalten hat und das weitergibt. Und das hat mich einfach inspiriert, weil da wird ganz klar gesagt: Die Lösung aller gegenwärtigen und künftigen Probleme heißt, eine Familie lebt auf einem Hektar Land. Punkt!« Anschließend argumentiert Briechle naturreligiös.

Anastasia-Bewegung verknüpft neonazistische Ideologie und Landleben

Die Anastasia-Bücher verbreiten auch antisemitische Weltverschwörungsthesen. (Screenshot Kontraste)
Die Anastasia-Bücher verbreiten auch antisemitische Weltverschwörungsthesen. (Screenshot rbb Kontraste)

Damit benennt Briechle wie bereits zu anderen Gelegenheiten eindeutig die sogenannte Anastasia-Buchreihe als Grundlage seines Aktivismus. Mit der zugehörigen Bewegung ist in den vergangenen Jahren in der rechtsradikalen Szene in Deutschland ein ernstzunehmender Akteur erstarkt. Sie bietet einen quasi-religiösen Überbau für völkische Siedlungs- und Hofprojekte. Doch auch ideologisch hat es Anastasia in sich: An die Stelle einer Bezugnahme auf offen neonazistische Traditionslinien tritt hier die stark esoterisch aufgeladene Darstellugnsweise einer mystischen Heilsbringerin, die massiv rassistische und antisemitische Aussagen in eine scheinbare ökologische Utopie einbindet. Dies macht die Anastasia-Bewegung um ein Vielfaches anschlussfähiger für Menschen außerhalb des traditionellen neonazistischen Milieus.

Über Briechles Verbindung zu Anastasia ist bereits 2018 berichtet worden. Wie eine investigative Dokumentation des ARD nachweisen konnte ist es der neueren rechtsradikalen Landbewegung auf diese Weise gelungen, sich bundesweit eine Vielzahl von Hofstellen und sonstigen Anwesen anzueignen und Anhänger zu rekrutieren. Insbesondere Menschen mit einer starken ökologischen Orientierung versucht Anastasia dabei gezielt durch ein scheinbar idyllisches, naturverbundenes Landleben in ihre Bewegung einzubinden und für die damit verbundene völkische Ideologie zu gewinnen.

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»Blut und Boden. Kraft durch Freude.«

Auch zutiefst rassistische Aussagen werden in den Anastasia-Büchern verbreitet. (Screenshot Kontraste)
Auch zutiefst rassistische Aussagen werden in den Anastasia-Büchern verbreitet. (Screenshot Kontraste)

Eine bewusste Strategie, wie etwa anhand von Vorträgen des Anastasia-Aktivisten Frank Willy Ludwig deutlich wird. Unter dem Namen Urahnenerbe Germania führt der vollbärtige Mann aus Brandenburg Strategieschulungen für Anhänger der Anastasia-Bewegung durch. Auf einer Aufnahme einer solchen Veranstaltung ist Robert Briechle zu sehen, der Frank Willy Ludwig auf der Bühne freundschaftlich umarmt. In den Schulungen vertritt Ludwig nicht nur die antisemitischen Ansichten, welche sich auch in der innerhalb der Bewegung als prophetisch betrachteten Anastasia-Buchreihe wiederfinden. Auf einem der Vorträge rief der Neonazi etwa auf: »Kümmert euch um eure Frau. Zeugt Kinder. Schafft euch einen Garten an, fertig. Das ist es doch was der Führer auch gesagt hat. Blut und Boden. Kraft durch Freude.«

Öffentlich jedoch solle man sich anders geben, wie Ludwig als Redner in einem dem ARD zugespielten Video einer Schulung sagt: »Gründet etwas Schönes. […] Die bezaubern dann auch die Leute wenn sie öffentlich auftreten durch Gesang und durch die Kleidung und durch Tanz. Das ist wichtig. Weil wenn du dich im Volk beliebt machst, kann kein Politiker, keine dunkle Macht mehr sagen: ›Ey, das sind Böse‹. Dann sagen die: ›Moment mal, die habe ich doch beim Konzert erlebt. Wie können die böse sein, die sind doch toll.‹«

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Grüne Fassade oder Missverständnis?

Im Video unterhalten sich Robert Briechle und der Neonazi Frank Willy Ludwig über den Mutterhof, die Berichterstattung über ihre Aktivitäten und »due Verantwortung der weißen Rasse«. (Screenshot Youtube)
Im Video unterhalten sich der Permakultur-Aktivist Robert Briechle und der Neonazi Frank Willy Ludwig über den Mutterhof, die Berichterstattung über ihre Aktivitäten und eine »Verantwortung der weißen Rasse«. (Screenshot Youtube)

Hat Robert Briechle mit dem Mutterhof also so »etwas Schönes« gegründet? Dient die professionelle Außendarstellung des Unterthingauer Hofes als grüne Fassade eines rechten, völkischen Projekts? Nein, heißt es in einer Stellungnahme, mit der der Mutterhof bereits 2018 auf entsprechende Medienberichte reagierte: »Wir distanzieren uns von jeglichem Rassismus, Antisemitismus und antidemokratischen Strömungen.« Das Projekt sei »weder rechts noch links, dort wo wir wirken ist vorne.« Nun behauptet Briechle, kein Anastasia-Anhänger zu sein. Zugleich stellt er jedoch in Frage, dass sich hinter der Anastasia-Buchreihe überhaupt eine rassistische und antisemitische Gedankenwelt verbirgt. Seither verzichtet die Mutterhof-Website auf Begriffe wie »Anastasia« oder »Familienlandsitz«.

Glaubhaft ist die Distanzierung nicht. Robert Briechle kennt die Inhalte der Anastasia-Bücher wie die Ansichten von Frank Willy Ludwig. Erst jüngst erschien auf dem Youtube-Kanal von Ludwig ein Video, in dem sich Briechle über die »vom öffentlich-rechten [sic!] Fernsehen« lustig macht, »dass wir hier so seltsame Machtallüren und Weltführer und semi und tismus…« Ludwig ergänzt: »… mit Schönheit die ökologische Bio-Landwirtschaftsszene vernazifizieren oder irgendsowas.« Das »Problem« sei: »Sie können sich nur als Gutmenschen darstellen, indem sie Feindbilder bearbeiten. Und der gute Mensch, der erscheint aber durch Schönheit. Das heißt, er pflanzt Blumen«, so der Neonazi.

Später im Video erklären die beiden, dass sie bereits seit 15 Jahren gemeinsam »unsere Aufgabe für den Stamm, für das Volk, für das Heil der Erde und das Heil der Wesen auf der Erde« erfüllen. Gegen Ende des 50-minütigen Gesprächs meint Ludwig, er »muss jetzt noch was braun-esoterisch, neo-paganes sagen. Eine ganz besondere Aufgabe in dieser Welt haben die Deutschen weil die können sehr gut ordnen und alles aufräumen, neu gestalten und schöpferisch sein.« Dann spricht er von einer »Verantwortung der weißen Rasse«.

Antisemitische Verschwörungsthesen und völkische Revolutionssehnsucht »von der Thing Au«

Bewohner des Mutterhof teilen in sozialen Netzwerken schon seit Jahren rechte Propaganda. (Screenshot Facebook)
Bewohner_innen des Mutterhof teilen in sozialen Netzwerken schon seit Jahren rechte Propaganda. Hier etwa ein Video, das die deutsche Schuld am Zweiten Weltkrieg Anhand der Geschichte des bei Neonazis als »Märtyrer« verehrten Rudolf Heß in Frage stellt. (Screenshot Facebook)

Teils seit Jahren teilen Bewohner_innen des Mutterhofs online rechte Propaganda. Politisch bringen sie sich aktuell auch über das Corona-Thema ein. Etwa besuchte Kai Stuth im Juni mit seinem Meditations-Caravan neben der sogenannten Grundrechte-Demo in Kempten auch den Mutterhof in Unterthingau. Im Neonazi-Kanal von Frank Willy Ludwig erschienen Beiträge zu diesem Thema sowie zwischenzeitlich gelöschte Musikvideos von »Schwerti von der Thing Au«. Der Briechle-Vertraute veröffentlichte dort Lieder, die eine Art völkische Revolutionssehnsucht besingen und sich in Wort und Bild auf die Verschwörungsmythen um QAnon beziehen, über die auf den sogenannten Coronademos zuletzt in Berlin, aber auch im Allgäu eine Radikalisierung der Teilnehmenden nach Rechtsaußen vorangetrieben wird.

»Wir stehen jetzt an dem Punkt für die Entscheidung, heißt es zu Beginn im Song Die Wahrheit (macht uns frei). Bilder im Video suggerieren aggressiv eine Verantwortlichkeit von Jüdinnen und Juden, im Text besingt »Schwerti« das Narrativ einer Jahrtausende alten jüdischen Verschwörung aus dem auf Fälschungen beruhenden einflussreichen antisemitischen Pamphlet Die Protokolle der Weisen von Zion, auf das sich schon die nationalsozialistische Propaganda im Dritten Reich stützte.

Im Text von Schwertis »Hymne des Erwachens« geht es wie auch oft bei Briechle und Co. um Runen und Ahnen. »Aus Dämmerschlaf-Delirium das alte Volk erweckt«, heißt es dort etwa. Das Lied kann – bildlich unterlegt mit Aufnahmen vom Mutterhof und Verweisen auf den Anastasia-Kult – als naturromatisch verklärte Sehnsucht nach einer völkisch-nationalen Revolution verstanden werden.

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