Zu Besuch beim Nazi-Konzert mit Faustrecht

Heute vor genau zehn Jahren: Faustrecht reist aus dem Allgäu nach Belgien und spielt ein Konzert bei Blood and Honour Vlaanderen. Wir veröffentlichen exklusive Videomitschnitte und wagen einen Streifzug über das Neonazi-Fest.

»Wir sind Faustrecht aus dem Allgäu«, schreit der Frontmann der Band seinem Publikum in Belgien entgegen, streckt den rechten Arm zum Hitlergruß und setzt nach: »Hail Victory!« Dann beginnt die Rechtsrock-Band ihren ersten Song zu spielen. Es ist der 27. Oktober 2007.

Zehn Jahre später

Fast zehn Jahre später steht »Nogge« mit seiner Band zu Hause im Allgäu auf der Bühne. Das ist weniger als drei Wochen her. Faustrecht ist in der Zwischenzeit auf unzähligen Konzerten in ganz Europa aufgetreten und hat neue Tonträger auf den Markt gebracht. Ob »Nogge« sein Allgäuer Publikum – rund 250 Neonazis – genauso begrüßt hat? Wir wissen es nicht.

Journalisten waren vor Ort, um das Konzert im Bereich Talacker bei Bad Wurzach zu dokumentieren. Sie mussten sich aus Sicherheitsgründen aber zurückziehen noch bevor das Konzert begann. Ein Neonazi griff einen der Reporter an, verletzte ihn leicht und zerstörte seine Kamera.  Der Angreifer, ein Anhänger der rechtsradikalen Skinhead-Kameradschaft Voice of Anger, wurde von der anwesenden Polizei zu Boden gebracht und festgenommen.

Neonazi Konzert bei Seibranz am 07.10.2017 (Photo: nk)

Vor dem Festzelt der Neonazis wurden Beamte des polizeilichen Staatsschutzes postiert, die allerdings während des Konzertes nach Auskunft der Polizei »keine indizierten Liedtexte oder andere Straftaten festgestellt« haben wollen. Es darf allerdings bezweifelt werden, ob es von außerhalb möglich war, verbotene Äußerungen tatsächlich zu verstehen. Selbst auf Studioaufnahmen ist es oft nur schwer möglich, den Texten von Faustrecht und anderen Rechtsrock-Bands zu folgen.

Was auf solchen Konzerten der Neonaziszene tatsächlich abgeht können wir dank dem Journalisten Thomas Kuban hautnah miterleben. Er tarnte sich jahrelang als Neonazi, schlich sich auf Szenekonzerte und filmte unter Lebensgefahr, was dort passiert. Aus dem Material hat der Regisseur Peter Ohlendorf den Dokumentarfilm »Blut muss fließen« – Undercover unter Nazis zusammengestellt, die am Montag in Mindelheim in einer Kurzversion gezeigt wurde. Die Szenekenner von Allgäu ⇏ rechtsaußen und der Filmproduktion FilmFaktum gewährten jedoch auch exklusiv Einblick in die noch nie gezeigten Aufnahmen vom Faustrecht-Auftritt  in Belgien, die wir heute veröffentlichen.

Auf dem heimlich gefilmten Material kann man hautnah miterleben, wie Thomas Kuban vor exakt einem Jahrzehnt  beim Ian Stuart Donaldson Memorial Festival im belgischen Wolfsdonk ankommt. Der Undercover-Journalist passiert ein Kassenhäuschen und den Essensmarken-Verkauf. Kurz erscheint im Sichtfeld ein Plakat: 25 Euro, steht darauf, soll der Eintritt zum Event kosten.

Einschlägiges Merchandise

Im Zelt kann man sich an mehreren Verkaufsständen eindecken mit einschlägigem Merchandise. Ins Auge springt ein Bekenntnis zu Adolf Hitlers Partei – ein T-Shirt mit der Aufschrift CoNSDAPle – und eine Hakenkreuz-Flagge.  Mit einem der Verkäufer kann man sich auf deutsch unterhalten.

Hinter einem Stand von Blood and Honour (B&H) hängen Bilder von Adolf Hitler und der Waffen-SS. Kuban nimmt eines der Hefte vom Tisch und blättert darin: Wieder sind Hakenkreuze zu sehen. Er legt es zurück und drängt sich durch die Menge der Neonazis. Einer trägt ein Shirt mit der Aufschrift Blood and Honour England. Am nächsten Stand greift der vermeintliche Neonazi in einen Kasten mit CDs – und zieht ein Album der Böhse Onkelz heraus. Daneben ist Bekleidung erhältlich, die offenbar Achtung vor dem US-amerikanischen Rechtsterroristen David Eden Lane ausdrücken soll. Lane soll die sogenannten Fourteen Words, einen verbreiteten Glaubenssatz weißer Neonazis und Rassisten, geprägt haben.

In den Konzertsaal geht es vorbei an einem Konzertbesucher, auf dessen Shirt »Eighty Eight« – ein Neonazicode für »Heil Hitler« – und ein Sturmgewehr prangt, ein Anderer wähnt sich seinen Klamotten nach wohl einer »Blood and Honour European Skinhead Army« zugehörig.

Faustrecht legt los

Endlich legt Faustrecht los. Frontmann »Nogge« grüßt das Publikum und schreit »Hail Victory«. Der rechte Arm reckt sich zum Hitlergruß, der Daumen bleibt eingeklappt. Danach grölt er den ersten Song ins Mikrophon. »We are proud to be here in Flandern«, sagt »Nogge« einige Titel später und frischt nochmal auf, wofür man als Neonazi-Skinhead zu stehen hat: »Unser nächstes Lied – ein Lied gegen die Menschen, die wir nicht mögen. Ein Lied gegen die Menschen, die uns zerstören wollen, die weiße Rasse. […] Ein Lied gegen die Bartträger.«

Den Judenhass, den der Neonazi in der Ansage angedeutet hat, macht er gleich darauf explizit, als er singt: »Sie brechen ihr Wort und verkaufen das Recht und sehen uns Arbeiter nur als Judenknecht!« Auf CD endet die antisemitische Zeile womöglich aus Angst vor strafrechtlicher Verfolgung oder weiterer Indizierungen auf »… billigen Knecht«. Das Publikum versteht und belohnt den Song mit »Juden raus, Juden raus, …«-Rufen.

Im nächsten Song werden »Blut, Schweiß und Tränen« besungen, die einstige Kämpfer »für’s Vaterland« gegeben hätten. Selbiges zu tun habe man sich geschworen, während man »vergessene Werte neu geboren« sehen will, heißt es im Text. »Vorwärts Kameraden […] der Aufstand hat angefangen«, dröhnt das nächste Lied durch den Saal.

Als letzten Song kündigt der Faustrecht-Frontmann den Titel Free my land von Skrewdriver an als Hommage an den Namensgeber des Festivals und Gründer von Blood and Honour:

»Our last song: A song from the founder of Blood and Honour, the founder Blood and Honour movement. The song is just for Ian Suart. Ian Stuart listen to Flandern, listen to thousand Voices in the Sky, listen to you, for free my land.«

Im Publikum erheben sich die Arme zum Hitlergruß und es ertönen mehrfache »Sieg Heil«-Rufe. Bei »Heil« stimmt der Mindelheimer mehrfach mit ein. Während dem Song wiederholt sich diese Szene jeweils nach der mehrfach wiederholten antisemitischen Zeile »Once a nation, and now we’re run by Jews«. Das Publikum verlangt Zugabe, Faustrecht liefert den Song Niemals Verrat. Dort heißt es etwa: »Hängt sie auf, die roten Schweine.«

Blood and Honour

Nach dem Auftritt von Faustrecht finden wir uns mit Thomas Kuban in Neonaziverkleidung an der Bar wieder. Einer der Barkeeper trägt das Emblem des Veranstalters Blood and Honour Vlaanderen. Hinter der Theke hängt ein großes Transparent des europaweiten Netzwerks. Ein Blick in die Getränkekarte zeigt das Konterfei von Ian Stuart Donaldson.

An der Bar beim Ian-Stuart-Donaldson-Memorial von Blood&Honour Vlaanderen am 27.10.2007

Donaldson war Kopf der Band Skrewdriver. Sie gilt als Vorreiter der Rechtsrock-Szene und war Zugpferd des rassistischen und neonazistischen Netzwerks Rock Against Communism. 1987 gründete der seit seinem Tod 1993 von Neonazis als Märtyer verehrte Donaldson das Blood and Honour-Netzwerk (B&H).

Millionengeschäft und Terrorkonzepte

Das Netzwerk organisierte ein Millionengeschäft mit der Verbreitung von neonazistischer Musik, verbreitete aber auch Terrorkonzepte über Zeitschriften, Booklets und Liedtexte – wie sie auch in Flandern an den Verkaufsständen erhältlich waren – und koppelte diese mit den Aufrufen, zur Tat zu schreiten. Denen, die den Kampf gegen System und »Volksfeinde« als »Untergrundgruppen« aufnehmen wollten, lieferte B&H laut NSU-Watch Anleitungen und bot ihnen Anlaufstellen.

Thomas Kuban ist inzwischen beinahe eine Stunde unter Dutzenden von Neonazis unterwegs. Es wird Zeit zu gehen. Beim Rausgehen kommen ihm noch zwei Skinheads entgegen. Kuban passiert die Männer von denen einer ein Hakenkreuz, der Andere ein weiteres Logo von Blood and Honour auf der Kleidung trägt, dann kann der Investigativ-Journalist seine Rolle fürs Erste wieder verlassen. Inzwischen ist er aus dieser Art von Recherche längst ausgestiegen.

»Nogge« allerdings ist immernoch dabei. Sein bürgerlicher Name ist Norbert Lecheler, seit Jahrzehnten wohnt er unbehelligt in Mindelheim. Seine Frau Nicole B. betreibt in der Unterallgäuer Kreisstadt einen Friseursalon. Gemeinsam wurden sie 1998 von der Polizei als Mitglieder der Skinheads Allgäu geführt, die wegen gewalttätiger Übergriffe und ihrer nationalsozialistischen Ideologie 1996 verboten wurden.

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2 Gedanken zu „Zu Besuch beim Nazi-Konzert mit Faustrecht“

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