Gabi mit roter Mütze und Katze im Schnee.

»Geliebte Gabi«: Geboren im Allgäu, ermordet in Auschwitz

Mit dem Schicksal des kleinen Mädchens Gabi wirft die Shoah mit aller Härte einen Blitzstrahl ins idyllische Allgäu. Nun erinnert eine Wanderausstellung an ihr Schicksal. Ein Gastbeitrag von Maria Anna Willer.

»Geliebte Gabi. Ein Mädchen aus dem Allgäu – ermordet in Auschwitz« – erinnert ihrer als Wanderausstellung. Am 31. Januar eröffnet sie um 18 Uhr in der Hofmühle in Immenstadt und tourt bis Herbst 2021 durch das Allgäu.

Stiefenhofen im Winter

Ihre Kindheitsjahre erlebte Gabi Schwarz in Stiefenhofen auf dem Bauernhof der Aicheles. Dorthin hatte Lotte Eckart, geb. Schwarz, ihr Kind wenige Wochen nach der Geburt in Marktoberdorf im Juni 1937 bei den Pflegeeltern Josef und Therese Aichele in vermeintliche Sicherheit gebracht. Zusammen mit Pflege-Geschwistern, zwischen Heuernte und Gemüsegarten, im Spiel mit Nachbarskindern, Freundin Elisabeth, Hund »Frischle«, Hühnern und Katzen erlebte Gabi eine unbeschwerte Kindheit – so zeigen es die Fotos der Ausstellung. Gabi‘s Mutter Lotte Eckart hatte den Pflegeeltern eine Kamera gegeben mit dem Wunsch, Gabi zu fotografieren.

»Geliebte Gabi« kommt ganz ohne Bilder der Vernichtung aus

Gabi's kleiner Spielherd, ein Geschenk ihrer Mutter Lotte Eckart.
Gabi’s kleiner Spielherd, ein Geschenk ihrer Mutter Lotte Eckart.

Die Vernichtungsstätten der Nationalsozialisten lagen weit entfernt in den von Wehrmachtssoldaten eroberten Ostgebieten. Auschwitz, heute UNESCO-Weltkulturerbe, Gedenkstätte und Symbol des systematisch organisierten Massenmords war zwar die größte, und doch nur eine der Vernichtungsstätten der Nationalsozialisten. Das Leben der kleinen Gabi Schwarz endete dort im anonymen Massenmord.

Die Besonderheit dieser Ausstellung ist: Sie kommt ganz ohne Bilder der Vernichtung aus. Im Gegenteil: Bilder und Gegenstände dieser Ausstellung zeigen eine heile Welt: Kinderwiege, Puppenspielzeug, Kochgeschirr und Miniaturherd – wie ein Gang durch Gabi‘s Kinderwelt gestaltet sich der Museums-Spaziergang.

Die Rückseite der Ausstellungstafeln, in dunkler Hintergrundfarbe gehalten, klären über das Verfolgungsgeschehen und die politischen Zeitumstände des sogenannten »Dritten Reichs« auf. Wie in einer Parallelwelt bedrohen sie das Kinderglück. Was vom kleinen Kind Gabi fern gehalten wurde – diese Tatsachen sind hier zu lesen.

Für die Nationalsozialisten hatte Gabi keine Lebensberechtigung

»Die Nürnberger Gesetze« auf einer Grafik des Reichsausschusses für Volksgesundheitsdienst als Ausstellungstafel der Wanderausstellung Geliebte Gabi in Lindenberg.
»Die Nürnberger Gesetze« auf einer Grafik des Reichsausschusses für Volksgesundheitsdienst als Ausstellungstafel der Wanderausstellung Geliebte Gabi in Lindenberg.

Trotz vieler Bemühungen der Mutter Lotte Eckart um eine Ausreise und letzten Rettungsversuchen von Seiten des Pflegevaters und des Dorflehrers endete Gabis kurzes Leben im März 1943 in der Gaskammer in Auschwitz. Es ist die dunkle Seite des Zeitgeschehens, das für Gabi unsichtbar über ihrem Leben schwebte.

Gabi galt nach den »Nürnberger Rassegesetzen« als »jüdisch«. Es halfen ihr weder die blonden Haare und blauen Augen, noch dass sie wie ihre Mutter katholisch getauft war – für die Nationalsozialisten hatte Gabi als Kind einer getauften »Jüdin« keine Lebensberechtigung. Nach den Rassegesetzen der nationalsozialistischen Ideologie spielte es auch keine Rolle, wer der Vater des Kindes war, den die Mutter verschwieg.

Am 12. Februar 1943 überbringt der Stiefenhofener Bürgermeister und Ortsgruppenleiter Seelos den Pflegeeltern den Befehl, dass sie Gabi abgeben müssen. Am Bahnhof Immenstadt nimmt eine Fürsorgeschwester das fünfjährige Mädchen in Empfang, bringt es ins »Sammellager für Juden« nach Berg am Laim. Einen Monat später im März 1943, wird Gabi, eingepfercht im Viehwaggon, im Münchner Sammeltransport nach Auschwitz deportiert. Gabi‘s Mutter Lotte Eckart war zu diesem Zeitpunkt bereits tot. Sie war im Frühjahr 1942 in der Tötungsanstalt Bernburg ermordet worden. Gabi‘s Großmutter Anna Schwarz hatte 1939 nach dem Geschehen der Reichspogromnacht in ihrem Zuhause in Augsburg den Freitod gewählt. Im Zuge der Arisierung des Augsburger Familienbesitzes geriet die eigentliche Erbin Gabi ins Blickfeld der Augsburger Nachlassverwalter. Die Tötungsmaschinerie der NS-Bürokraten rollte an und machte vor dem kleinen Kind nicht Halt.

Auschwitz begann auch im Allgäu

Was Leo Hiemer akribisch über Zeitzeugengespräche, Archivstudien und historische Recherchen erforschte, setzte Kulturwissenschaftlerin Regina Gropper in der für Kinder, Jugendliche und Erwachsenen konzipierten Ausstellung auf ungewöhnliche Art und Weise um: Die Grausamkeit und Unmenschlichkeit von Gabi’s Tod, der unsinnige Mord an dem kleinen Kind, der aus dem nationalsozialistischen Rassenwahn und einer bürokratischen und perfekt organisierten Tötungsmaschinerie mit vielen Beteiligten resultierte, wird offenbar durch das Aufscheinen ihrer Kindlichkeit, ihres Lachens, ihrer Freude, wie sie nur Kinder verspüren und verströmen können.

Frisches Grün strahlt von den Ausstellungstafeln und vermittelt den Hauch von Kindheitsidylle auf dem Land. Kinderspielzeug, eine Wiege, ein kleiner Herd mit Kochgeschirr sind Sinnbilder einer fröhlichen Zeit. Es sind Original-Gegenstände, die Lotte Eckart für ihre Tochter auf den Aichelehof gebracht hatte. Die Ausstellung beginnt für die Besucher*innen in der heilen Welt, als Gabi im Schutz der Pflegefamilie lebte, und mit den Augen des unschuldigen Kindes. Gleichzeitig zeigt die Ausstellung: Auschwitz hatte einen Anfang – die Menschen, die in den isolierten Orten der eroberten Ostgebiete der Vernichtung preisgegeben wurden, lebten vor ihrer Deportation mitten unter uns. Auschwitz begann auch im Allgäu.

Zeitzeugin besucht Ausstellung

Resi Baumann mit ihrer Tochter Gabi Perfölz an der Videostation der Wanderausstellung Geliebte Gabi in Lindenberg.
Resi Baumann mit ihrer Tochter Gabi Perfölz an der Videostation der Wanderausstellung Geliebte Gabi in Lindenberg.

»Endlich hat die Gabi wieder ein Zuhause« – erleichtert klingen diese Worte von Resi Baumann (98) nach dem Ausstellungsbesuch im Deutschen Hutmuseum in Lindenberg. Resi Baumann ist eine Tochter von Gabi‘s Pflegeeltern auf dem Aichelehof. Als Gabi auf den Hof kam, war Resi 16 Jahre alt. Sie erlebte das Aufwachsen des Kindes, den Verlust, die Trauer der Eltern. »Gabi selig« wurde ins tägliche Mittagsgebet eingeschlossen, erinnert sich Resi Baumanns Tochter.

Bei jedem Umzug der Mutter wanderten auch Gabi’s Spielsachen, ihre Skier, der kleine Kochherd und die Fotoalben mit. Gesprochen wurde darüber dennoch lange nicht. »Da hat man gar nicht darüber gesprochen, denn für Oma und Opa war es schwer, darüber zu reden«, berichtet Resi Baumann’s Tochter Gabriele Perfölz, die den Vornamen der kleinen Gabi trägt.

Ein Ringen um öffentliches Gedenken

Resi Baumanns Tochter Gabi Perfölz im Gespräch mit Regina Gropper.
Resi Baumanns Tochter Gabi Perfölz im Gespräch mit Kuratorin Regina Gropper.

Zur Wanderausstellung gibt es eine Publikation von Leo Hiemer. Der Historiker und Filmemacher recherchiert seit rund 20 Jahren das Schicksal des »Stiefenhofener« Kindes Gabriele Schwarz. Es ist ein Wachhalten der Erinnerung in Etappen, ein Ringen um öffentliches Gedenken, und ein Erforschen des Verfolgungsgeschehens zur NS-Zeit. Am Donnerstag, 6. Februar 2020 liest Leo Hiemer ab 19 Uhr im Stadtmuseum Kaufbeuren aus seinem Buch »Gabi (1937 1943). Geboren im Allgäu. Ermordet in Auschwitz«, zeigt Fotos und Dokumente.

Erstmals machte Gernot Römer, damals Chefredakteur der Augsburger Allgemeinen, das NS-Verbrechen an schwäbischen Juden und die Ermordung Kindes Gabriele Schwarz im Konzentrationslager Auschwitz publik. Leo Hiemer befragte Ende der 1980er Jahre Zeitzeugen und drehte 1993/94 den Film »Leni … muss fort« (www.hiemer-film.de). Mit der Veröffentlichung der Tagebucheinträge von Kardinal Faulhaber und nach Ablauf von Sperrfristen für relevante Archivalien wurde eine vertiefte Forschung neu möglich. Hiemer recherchierte akribisch gründlich, sein Buch ist spannend zu lesen.

»Gabi lebt, solange wir uns an sie erinnern«

Dieser Satz steht auf der letzten Ausstellungstafel, die zu Filmaufnahmen der Zeitzeugengespräche, Hörstationen und zur Mitmachstation überleitet: Wer von NS-Verbrechen in der mündlichen Überlieferung weiß, kann diese zu Papier bringen. Die Mitmachstation und die Einladung zu Erzählcafés, die die Ausstellungen an den verschiedenen Orten begleiten, sind Aufrufe gegen das Verschweigen, Verdrängen, Vergessen.

Rassenideologie, Auslese-Politik, Euthanasie und erbbiologische Selektion, KZ-Haft und das NS-Überwachungssystem in Stadt und Land hatten viele Menschen getroffen. Wer von Unrecht, Verfolgung und Verbrechen als Auswirkung nationalsozialistischer Herrschaft vor Ort aus der mündlichen oder schriftlichen Überlieferung weiß, wird eingeladen, dies aufzuschreiben, in wenigen Zeilen zu dokumentieren, oder bei den Erzählcafés zu berichten. Das Museum wird zur Oral History-Plattform mündlicher Erzählungen und tradierter Erinnerung. Ein spannender Versuch der Suche nach Opfern vergangener Diktatur und Rassenwahn.

Stationen der Wanderausstellung bis Oktober 2021

Rita Landsbeck mit zwei Enkelinnen an einer Tafel der Wanderausstellung Geliegte Gabi im Hutmuseum Lindenberg.
Rita Landsbeck mit zwei Enkelinnen an einer Tafel der Wanderausstellung Geliegte Gabi im Hutmuseum Lindenberg.

Die Wanderausstellung ist bis 26. Januar 2020 im Deutschen Hutmuseum in Lindenberg zu sehen, dann tourt sie weiter durch das Allgäu: weitere Stationen sind das Museum Hofmühle in Immenstadt (1.2.-29.3.2020), das Klostermuseum Ottobeuren (1.4.-24.5.2020), das Bauernhausmuseum Allgäu-Oberschwaben Wolfegg (28.5.-30.8.2020), das Historische Museum Obergünzburg (1.9.-31.10.2020), das Foyer des Landratsamt Oberallgäu in Sonthofen (23.11.-11.12.2020), die Synagoge in Fellheim (14.12.2020-14.1.2021), und das Stadtmuseum Memmingen (April – Oktober 2021). Termine und Einzelheiten zum Begleitprogramm mit Führungen (für Schulklassen und Erwachsene) sowie zu den Erinnerungscafés gibt es unter www.geliebtegabi.de.

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