Franz Sailer in Uniform. (BArch R 9361 II/938179)

Franz Sailer: »Ich bin wohl für die nationalsozialistischen Belange eingetreten, doch war nichts Verbrecherisches daran«

Der Marktoberdorfer Landwirt und Brauer Franz Joseph Sailer war der mächtigste Nazi im heutigen Landkreis Ostallgäu. Dennoch wird sein Andenken in Ehren gehalten. Er selbst will seine Macht genutzt haben, um „die Menschen zusammenzubringen und zu versöhnen“. Doch stimmt das?

Dieser Aufsatz ist zuerst erschienen in Band 12 der Reihe Täter Helfer Trittbrettfahrer, der NS-Belastete aus dem Allgäu beleuchtet

Franz Joseph Sailer: * 23. August 1899 in Markt Oberdorf, 17. Januar 1981 in MarktoberdorfLandwirt, Brauer, NS-Multifunktionär, 1923 NSDAP, 1923 SA, NSKK, 1930-1945 Kreisleiter der NSDAP, Gemeinde-, Bezirks und Kreisrat Schwaben und Neuburg, Kreisredner, Bezirksbauernführer, LKF, LAF, NSV-Kreisleiter für Technik, Träger der Goldenen Parteinadel, Mitglied im Verein für bäuerliche Sippenkunde und Wappenwesen e.V., im Lebensborn e.V., sowie Das Ahnenerbe e.V.

»Die Haltung Sailers taucht ein heutiges Fest in ein warmes Licht«

„Mit Franz Sailer, dem Seniorchef des bekannten Brauereiunternehmens, der am Wochenende im Alter von 81 Jahren gestorben ist, ist ein Stück Alt-Marktoberdorf dahingegangen.“ So kündigte die Allgäuer Zeitung 1981 das Begräbnis von Franz Sailer an. In einer Traueranzeige heißt es: „Der Verstorbene war uns immer Vorbild.“1 In Anerkennung seiner Verdienste als „hochangesehener, markanter Allgäuer Brauherr, der die mittelständische Struktur des Braugewerbes über die Kriegsjahre hinweg gerettet hat“, erhob ihn der Bayerische Brauerbund zum Ehrenmitglied, gratulierte die Lokalzeitung ein Jahr zuvor zu Sailers 80. Geburtstag.2 Zu seinem 70. Geburtstag lobte das Blatt sein ausgeprägtes Engagement im Vereinsleben3 und schrieb: „Die Haltung Franz Sailers zu einer Zeit, die vielen schwere Belastung brachte, wird unvergessen bleiben und taucht ein heutiges Fest in ein warmes Licht.“4

Dabei gehörte Sailer in Markt Oberdorf zu den Nationalsozialisten der ersten Stunde, baute die Ortsgruppen von NSDAP und SA mit auf und stand zur Unterstützung von Hitlers Novemberputsch in München bereit. Nachdem sich die NSDAP vom gescheiterten Putschversuch erholte, stieg Sailer rasant zum mit Abstand mächtigsten Nazi im heutigen Landkreis Ostallgäu auf. Er selbst will seine Macht genutzt haben, um „die Menschen zusammenzubringen und zu versöhnen“. Doch stimmt das? Zwar sind die Akten zum Nationalsozialismus im Stadtarchiv Marktoberdorf „gesäubert“ worden.5 Dennoch reicht der Bestand, um sich der Frage zu nähern.

Als nationalistischer Paramilitär gegen »Kommunisten und Pöbel«

Franz Joseph Sailer wurde am 23. August 1899 von Aguste Sailer (geb. Hofmann) geboren.6 Sein Vater Josef Sailer besaß die örtliche Brauerei. Seit Jahrhunderten schon war die Familie nach German Penzholz7 in Markt Oberdorf ansässig und gehörte als Unternehmer zu der traditionellen Führungsschicht des Ortes. Neben der Brauerei hatte die Familie auch mehrere Gastwirtschaften und – wie fast jede Unternehmerfamilie im Bezirk – noch einen landwirtschaftlichen Betrieb. Franz Sailer selbst habe großen Wert darauf gelegt, Brauer und zugleich Landwirt gewesen zu sein.8 1905 bis 1911 besuchte er die Volksschule Markt Oberdorf, dann bis 1916 die höhere Landwirtschaftsschule Pfarrkirchen. Nach seinem Kriegsdienst besuchte Franz Sailer 1920 bis 1921 Abendkurse der Sabelschen Handelsschule Nürnberg und 1921 und 1922 die Brauerschule Doemens in München.9

Zuvor jedoch trat Sailer am 2. Juni 1917 als 18-Jähriger freiwillig10 in die Armee ein, wo er bis 1918 verblieb und als Gefreiter im 20. Bayerischen Infanterie Regiment am Ersten Weltkrieg teilnahm, was ihm das Ehrenkreuz für Frontkämpfer einbrachte. Nach dem Krieg schloss er sich mehreren paramilitärischen Gruppen an. Zunächst bis Frühjahr 1919 war dies das Freikoprs Landsberg, dann ging er von April bis Juni 1919 zur Einwohnerwehr in Markt Oberdorf. Ein Zeitzeuge erinnert sich 1995 in einem Bericht für das Stadtarchiv, wie „in Markt Oberdorf von ehemaligen Frontsoldaten nationaler Gesinnung eine Art Heimwehr gegründet“ wurde, die „die Heimat bei Übergriffen der Kommunisten und des Pöbels schützen“ wollte.11 Nach deren Auflösung schloss sich Sailer weiteren nationalen Wehrverbänden an.12 Unklar ist, welche Verbände das gewesen sind. Nach eigenen Angaben war er etwa Schütze im Auswandererbund.13

SA-Trupp marschiert zur Unterstützung Hitlers Novemberputsch am Sailerbräu auf

Am 14. März 1923 trat Franz Joseph Sailer zum ersten Mal in die NSDAP ein, erhielt die Mitgliedsnummer 24 666 und trat kurz darauf auch in die SA ein. Die Gründe für seinen Beitritt zur NSDAP waren wohl nicht, wie Sailer später vor der Lagerspruchkammer erklären sollte, „meine soziale Einstellung“, dass Hitler gegen die Geldentwertung kämpfte und „seine Bewegung auch sonst vollständig unpolitisch gehalten war“.14 Vielmehr war es wohl, wie Penzholz anmerkt15, „das Abenteuertum, SA-Kameradschaft und Nationalistische [sic!] Gefühle, die den damals 24jährigen zum Nationalsozialismus hinzogen.“ Und dem will er zur Revolution verhelfen. So war Oberdorfs SA bewaffnet zur Unterstützung des Hitler-Putsches am Sailerbräu aufmarschiert: „Ein Lastwagen mit Anhänger stand am 9. November 1923 in der Brauerei Sailer bereit, um die angetretenen SA-Männer zur Unterstützung Adolf Hitlers nach München zu bringen.“16 Doch der Trupp sollte Sailers Gelände nicht verlassen. Der damalige Bezirksamtsvorstand Richard Link konnte die SA laut Penzholz17 bei einer Besprechung mit den nationalsozialistischen Führern, darunter wahrscheinlich auch Sailer, zum Verbleiben im Ort überreden. Link hatte demnach die Frage vorgeschoben, wie die Gemeinde bei einem befürchteten kommunistischen Gegenschlag zu verteidigen wäre. Daher erhielt Sailer später trotz mehrfachem Bittens den Blutorden für die aktive Teilnahme am Putschversuch nicht.18

„Nach diesem Missglückten Erlebnis scheint Franz Sailer ein geordnetes Leben gesucht zu haben“, schreibt Penzholz.19 Sailer habe seinen Meister als Brauer gemacht und arbeitete in Neuburg, Nürnberg, Halle, Merseburg und 1927/28 in Kairo.20 War das wirklich die Suche nach einem geordneten Leben? Sailer selbst deutet später in seinem Antrag für den Blutorden an, noch eine Zeit beim Völkischen Block, der auch als Ersatzorganisation für die nach dem gescheiterten Putsch verbotene NSDAP genutzt wurde, gewesen zu sein, dann aber „die Verbindung durch Aufenthalt in Mitteldeutschland und Ägypten verloren“ zu haben.21 Eine schwere Erkrankung seines Vaters soll Sailer dann nach Oberdorf zurück gebracht haben, um die Geschäftsführung der Brauerei zu übernehmen.22 Die Verbindung zur NSDAP ist sofort wieder da.

Aufstieg in NSDAP und SA

Franz Sailer im Nationalsozialismus. (BArch R 9361 II/938179)
Franz Sailer im Nationalsozialismus. (BArch R 9361 II/938179)

Franz Joseph Sailer trat am 1. Februar 193023 als Mitglied 193 646 wieder in die NSDAP ein. Dort wurde er schon am 1. Juni zum stellvertretenden Ortsgruppenleiter und am 1. Oktober Ortsgruppenleiter. Nur 18 Tage später stieg Sailer am 19. Oktober 1930 zum Kreisleiter24 und damit zum mächtigsten Mann im Kreis auf: Die Kreisleiter waren deren Hoheitsträger auf lokaler Ebene – und der vierthöchste Posten in der Partei nach dem Führer, seinem Stellvertreter und dem Gauleiter.25

In der SA, in die Sailer am 1. Oktober 1930 zum zweiten Mal eintrat26, ließ es Sailer indes ruhiger angehen. Ab 1. April 1932 wurde er etwa im Halbjahrestakt befördert. Vom Truppenführer zum Sturmführer (1. Dezember 1932), darauf folgte der Obersturmführer (15. Juni 1933) und schließlich der Sturmbannführer (1. Dezember 1933). Penzholz merkt an, dass Sailer die relativ hohen Ränge erst nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten erreichte.27 Über die Motor-SA kam er zum Nationalsozialistischen Kraftfahrkorps und wurde zum Oberführer/Standartenführer z.b.V. der NSKK-Motorgruppe Hochland.28

Sailers Machtbereich dehnt sich aus

1932 dehnte sich Sailers Machtbereich auch auf Obergünzburg aus, als sein Kreis den dortigen NSDAP-Kreis im Rahmen einer Gebietsreform der Parteistruktur schluckte.29 Dazu kamen ab März 1933 noch seine politischen Ämter als Gemeinderat, Bezirksrat und Mitglied des Kreistages von Schwaben und Neuburg. Im Juli übernahm er dann zunächst kommissarisch auch den Parteikreis Füssen, der schließlich vollständig im Parteikreis Markt Oberdorf aufging. Außerdem wurde Franz Sailer zum Beauftragen des SA-Sonderkommissars am Bezirksamt Markt Oberdorfs ernannt.30 Er wurde Kreisleiter für Technik für die NS-Volkswohlfahrt und Kreisredner31, sowie ab August 1931 Landwirtschaftlicher Kreisfachberater (LKF) und ab 1932 Abschnittsfachberater (LAF)32 des agrarpolitischen Apparats33, einem wichtigen Propagandaorgan der NSDAP,34 und vom 10. März 1934 bis 3. Dezember 1935 Bezirksbauernführer.35 Ebenfalls 1935 wird Sailer „mit Zustimmung des Reichsbauernführers […] zum Vorsitzenden des Brauwirtschaftsverbandes Süddeutschland in München berufen.“36 Zu diesem Zeitpunkt war Sailer gerade einmal rund 35 Jahre alt.

Sailers Macht war keine rein formale. Selbst das Bezirksamt machte er sich – noch vor deren offiziellen Entmachtung 1935 – Untertan und brach dessen staatliche Autorität.37 Ab dann „bestimmte er letztlich darüber, wer Bürgermeister wurde oder blieb.“38 Mehrfach „säuberte“ er ihm unliebsames Personal in Partei und Verwaltung seines Einflussgebietes und setzte ihm genehme Leute ein.39 Dabei versuchte Sailer hingegen nicht, die Beamten in die NSDAP zu zwingen. Alle Verwaltungsinspektoren waren bis 1937 noch nicht bei der NSDAP. In Markt Oberdorf konnten auch bekannte Gegner der Nationalsozialisten unbehelligt arbeiten – solange Sailer selbst und damit die NSDAP die Kontrolle behielt.40

Oberdorf wird stolze NS-Hochburg

Sailer und die Führungsriege der NSDAP indes hatten es im Kreis leichter als andernorts. Sie waren selbst angesehen und Teil der traditionellen Führungsschicht, sodass sie sich nicht erst gegenüber einer „alten Elite“ profilieren und durchsetzen mussten. Hohe Beamte kamen bereits eingeschüchtert durch die NSDAP nach Markt Oberdorf oder hatten aus anderen Gründen vielfach kein Interesse, sich der Partei bzw. Sailer zu widersetzen.41 Und falls doch, ordnete Sailer sie sich eben durch die Gewalt seiner politischen Macht unter. In der Bevölkerung war die Unterstützung für die NSDAP in Markt Oberdorf von Anfang an groß. Schon 1923 zählte die NSDAP hier 100 Mitglieder; bei den Landtagswahlen 1924 wählte bereits knapp ein Viertel der Oberdorfer national. Bei den Reichstagswahlen 1930 erreichte die NSDAP hier 24,5 Prozent der Stimmen, bayernweit erst 17,9 Prozent. Im Juli 1932 gaben schon 46 Prozent der Oberdorfer ihre Stimme den Nazis (Bayern: 32,8). Und im November 1932 holte Hitler 49,1 Prozent der Stimmen (B: 30,5). Hier war also schon aus ideologischer Übereinstimmung Gehorsam zu erwarten. Sozialisten oder Kommunisten, deren Widerstand gegen die Machtergreifung der Nationalsozialisten man hätte brutal niederschlagen können (wofür Sailer und die SA ja schon im November 1923 bewaffnet zur Verfügung standen), waren im Kreis nicht organisiert. Durch seine ländliche Prägung brachte der Ort nicht einmal eine sozialdemokratisch geprägte Arbeiterschaft hervor. Es fehlten im Bezirk schlicht die politischen Gegner.42 Auch Juden gab es nicht. Einzig auf einen gewissen kirchlichen Unmut gibt es Hinweise.43 Durch die günstigen Voraussetzungen, seinen Politikstil und den mangelnden Widerstand erwiesen sich gewalttätige Übergriffe etwa der SA unter Kreisleiter Franz Joseph Sailer in Markt Oberdorf schlicht als unnötig zur Durchsetzung der nationalsozialistischen Herrschaft.

Nach der Machtergreifung konnten Bürgermeister und Gemeinderäte in Marktoberdorf zunächst in ihren Ämtern bleiben. Dennoch beschloss man schon am 24. April 1933 die Umbenennung der Lindenallee und des Marktplatzes, sodass Sailer fortan in der Hindenburgallee wohnen und vom Adolf-Hitler-Platz aus Geld und Politik machen konnte. Und für die Einrichtung der „hiesigen Führerschule des freiwilligen Arbeitsdienstes übernimmt die Gemeinde ab sofort bis auf weiteres“ die Kosten der Einrichtung, die kostenlose Bereitstellung eines großen Platzes und der Turnhalle. Tatsächlich stellte Markt Oberdorf auch ein Gebäude für die RAD-Führerschule und baute Barackenunterkünfte für 40.000 Reichsmark. Erst mit der Neubildung des Gemeinderates am 19. Juli 1933 traten die Angehörigen von BVP und Bayerischem Bauernverband zurück und Mitglieder der NSDAP rückten nach. Am 4. Oktober notiert der Gemeinderat in sein Protokoll: „Nachdem die Zulassung von Juden zum Frühjahrsmarkt aufreizend gewirkt hat, sollen Juden als Marktlieferanten bis auf weiteres nicht mehr zugelassen werden.“ 1937 verbot ein Dekret den Insassen des Arbeitslagers, die Bahnhofswirtschaft zu betreten, weil dort alle „Juden, die nach Markt Oberdorf kommen, verkehren und der Besitzer Juden in freundschaftlicher Weise aufgenommen hat“.44 Im November 1934 beklagte Sailer in der Lokalzeitung, dass die Kreisleitung der NSDAP immer mehr denunziatorische Zuschriften erhalte, „die eines deutschen Mannes nicht würdig“ seien. „Gib dich zu erkennen oder schweig, du Lump“, wetterte Seiler.45 1935 druckte die Lokalzeitung eine „Warnung“: Die „Lausbuben, welche die an den Ortseingängen angebrachten Tafeln ‚Juden sind hier nicht erwünscht‘ verunreinigt haben, seien vor weiterem Tun gewarnt“, und dies vom Scharführer der Oberdorfer Hitler-Jugend.46

1938 baute man eine Parteizentrale für die NSDAP in Markt Oberdorf. Offenbar war das sogenannte braune Haus Sailers, in dem sich die NSDAP bis dahin eingerichtet hatte, endgültig zu klein geworden. Marianne Sailer, die jüngere Schwester von Franz Sailer, soll im neuen NSDAP-Heim die Führung des Büros und der Jungfrauenschaft übernommen haben. Als Oberdorf ein HJ-Heim für die Hitlerjugend baute, quartierte Sailer auch diese bei sich ein.47 Schon vor der Machtübernahme Hitlers soll sich die SA regelmäßig im Sailerkeller getroffen und nationalsozialistische Lieder gesungen, Nahkampfübungen praktiziert und Flugblätter gedruckt haben. Später zog die SA-Schule in eine Gaststätte Sailers.48

Das Lager des Reichsarbeitsdienstes wurde während des Dritten Reiches kontinuierlich erweitert. 1941 wurde eine dieser Erweiterungen diskutiert, worauf der damalige Bürgermeister Josef Bergmoser mit einem Brief an den zuständigen Generalarbeitsführer Hoppenrath für den Standort als NS-Hochburg warb: „Markt Oberdorf war während der Kampfzeit eine Hochburg der Bewegung[,] von der aus durch eine Anzahl von Männern im Ostallgäu Ortsgruppe um Ortsgruppe und die SA[-]Stürme der Standarte 12 gegründet wurden. So wurde unser Ort Sitz der Kreisleitung. Pg. Kreisleiter Sailer, selbst Markt Oberdorfer, führte damals eine NSKK-Standarte. Die SA[-]Standarte 12 wurde von Pg. Franz Schmid, dem späteren stellv. Gauleiter von Schwaben, gegründet. Markt Oberdorf beherbergte in seinen Mauern eine der ersten SA[-]Führerschulen Deutschlands. […] Ein KK-Schießstand unmittelbar neben dem Exerzierplatz“, den Bergmoser, wie Gerstenmaier betont, für einen der schönsten im ganzen Allgäu hielt, „lässt in der vormilitärischen Ausbildung der RAD-Männer keine Schwierigkeiten aufkommen. Kämen diese nach Oberdorf, „bekommt meine Gemeinde wieder das Gesicht[,] das einer nationalsozialistischen Hochburg zukommt“.49 Man war stolz, sich als NS-Hochburg gerieren zu können.

»Nicht ruhen und rasten, bis der letzte deutsche Volksgenosse für unsere Idee gewonnen«

Das Familiengrab Zettler in Aitrang
»Die haben so viel auf dem Kerbholz gehabt. […] Und die haben gesagt: Die Frau muss weg. Und das ging dann ruckzuck«, berichtet Wally Koch, wie ihre Mutter Veronika Zettler 1944 unter Beteiligung von Franz Sailer denunziert, verschleppt und schließlich ermordet wurde. Im Familiengrab in Aitrang fand sie ihre letzte Ruhe. (Photo: Leo Hiemer)
Als die Amerikaner am 28. April 1945 in Marktoberdorf einmarschieren, wird Sailer verhaftet.50 Der öffentliche Kläger versucht, belastendens Material gegen Sailer zu sammeln, stößt aber auf wenig Hilfe.51 Insbesondere die Bürgermeister der Gemeinden aus Sailers Machtbereich liefern nichts belastendes – sofern sie überhaupt antworten.52 Auch aus der Bevölkerung ergibt sich wenig. Aber der Kläger trägt auch einige Schriftstücke zusammen, die einen Einblick in Sailers nationalsozialistischen Eifer und Aggressivität gegen politische Gegner*innen auch bei kleinen Verfehlungen zulassen. 1943 schrieb Sailer etwa an den Bürgermeister von Trauchgau: „Ich betrachte es als Unverschämtheit, wenn Sie sich in einer Sache hineinmischen, die Sie gar nichts angeht. Wenn ich einen Brief an Pg. Kratzer schreibe, dann haben Sie sich als Bürgermeister nicht darein zu mischen. Dass Sie dabei noch Unterschriften sammeln, zeugt davon, wie wenig Sie sich vom nationalsozialistischen Ideengut angeeignet haben, denn sonst müssten Sie wissen, dass seit 1933 die Demokratie abgeschafft ist. Ich verbitte mir in Zukunft jede Einmischung Ihrerseits […].“ Sailer sei „in Trauchgau schon für die Bewegung tätig [gewesen], als Sie noch in den Reihen unserer Gegner standen.“53

1944 setzte sich Sailer für die Schließung der Gaststätte Zettler in Unterthingau und die Bestrafung der Betreiberin ein. Sie habe sich kritisch gegenüber dem Führer geäußert. Und: „Sowohl Herr, als auch Frau Zettler haben schon des öfteren durch Äusserungen bewiesen, dass sie politisch unzuverlässig sind.“ Deshalb halte er es für notwendig, gegen Frau Zettler vorzugehen, schrieb er etwa an Landrat Pirro.54 Nachdem Frau Zettler bei Sailer persönlich vorsprach und um Milde bat, lehnte Sailer ab und bat den Landrat, die Anzeige an den Oberstaatsanwalt weiterzuleiten. Zudem setzte sich Sailer dafür ein, „die Gaststätte der Eheleute […] Zettler wegen politischer Unzuverlässigkeit und gegnerischer Einstellung gegen Partei und Staat zu schließen“.55 1937 ersuchte Sailer das Bezirksamt, die Erlaubnis für „Zusammenkünfte von Jungmädchen und Jungmännern im sogenannten Choristenhaus“ zu widerrufen. Denn er habe „den Verdacht, dass Kaplan Kobel, der als Gegner des Nationalsozialismus bekannt ist“, diese Zusammenkünfte missbrauche, um die jungen Leute „politisch zu beeinflussen“.56

Nach den Wahlen im November 1933 bedankte sich Sailer in der Lokalzeitung bei den Wählern des Kreises Markt Oberdorf: „Als wir vor mehr als einem Jahrzehnt mit dem Kampf um den Sieg der nationalsozialistischen Bewegung begannen, da stand uns wohl auch schon ein Ziel klar vor Augen, wir wollten nicht ruhen und rasten, bis der letzte deutsche Volksgenosse für unsere Idee gewonnen war. Wir wagten aber nicht die Hoffnung auszusprechen, daß je einmal in unserem Kreis 90, teilweise 100 Prozent der Wähler sich freudig mit uns zu unserem Führer bekennen würden. […] Dieser Vertrauensbeweis wird uns und unseren Führern ein Ansporn sein, unermüdlich weiter zu wirken zum Segen des Ganzen. Den 333 aber“, die nicht für die NSDAP gestimmt hätten, drohte Sailer: „denen gönnen wir den Unfrieden, der ihre schmutzige Seele durchwühlen wird ob ihrer Kains-Tat. Wenn sie volksverräterischerweise die Forderung nach Gleichberechtigung ablehnen, so können sie nicht erwarten, daß wir ihnen gleiches Recht, gleiche Ehre und gleiche Achtung zuteil werden lassen, wie den anderen deutschen Volksgenossen.“ Kreispropagandaleiter Geis sekundierte in der selben Ausgabe: „Wir kennen die Gegner und werden sie zu behandeln wissen“.57

»Ich bin wohl für die nationalsozialistischen Belange eingetreten, doch war nichts Verbrecherisches daran«


„Ich habe nie etwas unternommen, was gegen die Menschlichkeit gewesen wäre, im Gegenteil, ich habe Ungerechtigkeiten bekämpft, ich bin wohl für die nationalsozialistischen Belange eingetreten, doch war nichts Verbrecherisches daran“, erklärte Sailer am 3. August 1948 in seinem Verfahren vor der Spruchkammer Moosburg-Dachau. Sailer behauptete, er habe immer wieder versucht, sein Amt als Kreisleiter abzugeben. Doch er sei 1930 zu dem Amt verpflichtet worden. 1938 habe er ebenfalls kein Kreisleiter mehr sein wollen, um sich um sein Geschäft zu kümmern, sei es aber geblieben, um die drohende Schließung des Bezirksamtes zu verhindern.58 Ist das glaubhaft? Wenn „Sailer wirklich amtsmüde war“, bemerkt Penzholz zu Recht, „wieso häufte er dann immer mehr und mehr Ämter an.“ Tatsache sei: „Franz Sailer war daran interessiert, die Macht über den Bezirk zu bekommen und auch festzuhalten.“

Das Amt will Sailer auch „zum Wohle seiner Mitmenschen“ behalten haben. Er „war immer gegen das Denunziantentum, habe niemanden ins KZ gebracht, ich hatte mit der Gewaltherrschaft nichts zu tun. Ich versuchte, die Menschen zusammenzubringen und zu versöhnen“. So habe er auf die Verfolgung der Unterthingauer Wirtin Zettler nur deshalb gepocht, damit ihr eine Anzeige bei der Gestapo erspart bliebe und das mildere Amtsgericht den Fall übernähme. Auch in Sachen Kaplan Kobel habe er nur verhindern wollen, dass „Missbrauch betrieben wird“. Einige Entlastungszeug*innen bescheinigten Sailer, ein guter Mensch zu sein59 und dass er auch politischen Gegner*innen des NS geholfen habe.

Die Spruchkammer folgte den Entlastungen und reihte Franz Sailer in die Gruppe III der Minderbelasteten ein.60 Da Sailer eine Vielzahl von Untergliederungen der Partei angehört habe, sei er „unbedingt als Hauptschuldiger […] zu betrachten“, wenngleich ihm mildernde Umstände zugebilligt werden könnten, sodass eine Herabstufung in Gruppe II der Belasteten in Frage komme, widersprach der Ankläger und legte Berufung ein.61 Doch Sailer konnte die Berufungskammer Augsburg für sich gewinnen: Sie kassierte am 18. Januar 1949 den Spruch aus Moosburg und erklärte Franz Sailer zum Mitläufer. Es müsse „als Verdienst des Betroffenen gelten, daß der Kreis Markt-Oberdorf der Terror des nationalsozialistischen Unrechts und seiner Unmoral erspart geblieben ist.“ Doch das dürfte wie gezeigt gerade nicht daran liegen, dass Sailer sich nicht mit der nationalsozialistischen Herrschaft identifizierte. Mangels Widerstand und dank günstiger Voraussetzung erwies sich Sailers Politikstil schlicht als opportun zur Durchsetzung der Nationalsozialistischen Herrschaft im Kreis Markt Oberdorf und Füssen.

Mehr zu diesem Thema:  Täter Helfer Trittbrettfahrer: NS-Belastete aus dem Allgäu

1Allgäuer Zeitung, 19.1.1981

2Allgäuer Zeitung, 25.8.1979

3Sailer war Ehrenvorsitzender des Männergesangsvereins Liederkranz, Gründungsmitglied des Skiclub MOD, in der Feuerstutzen-Schützengesellschaft, in der Jagd, im Trachtenverein, dem Fischereiverein und beim Motorsportclub.

4Allgäuer Zeitung, 23.8.1969

5Alois Regner, Lehrer und Leiter des Kreisschulungsheims in Kraftisried, betätigte sich nach seiner Haft ehrenamtlich im Stadtarchiv – und entfernte die Akten zum NS. Vgl. Thamm, Ursula: Wenn ein Drachen steigen will. Thalhofen, 2012, S. 51f.

6StadtA MOD, Geburtsurkunde Franz Joseph Sailer.

7Penzholz, German: Die Bezirksämter Füssen und Markt Oberdorf 1933-1935. Das Verhältnis von Partei und Verwaltung auf regionaler Ebene, Magisterarbeit (einzusehen im StadtA MOD), Augsburg 2005, S. 50.

8Penzholz 2005 (wie Anm. 7), S. 50.

9BArch, R 16-I / 1028, Personalakte Landesbauernrat Bayern.

10SKM Sailer: Protokoll der öffentlichen Sitzung der Lagerspruchkammer Moosburg – Dachau in Dachau am 3.8.1948. Erklärung von Sailer, nach: Penzholz 2005 (wie Anm. 7), S. 51.

11StadtA MOD, Bericht für das Stadtarchiv, Rudolf Heibler, 21. März 1995, S. 1.

12SKM Sailer: SA-Führer Fragebogen (Auszugsweise Abschrift, begl. Durch den öffentlichen Kläger der Spruchkammer Markt Oberdorf b. 31.07.1947, Original liegt bei Mil Reg Markt Oberdorf).

13SKM Sailer: Protokoll der öffentlichen Sitzung der Lagerspruchkammer Moosburg – Dachau in Dachau am 3.8.1948. Erklärung von Sailer, nach: Penzholz 2005 (wie Anm. 7), S. 51.

14SKM Sailer: Protokoll der öffentlichen Sitzung der Lagerspruchkammer Moosburg – Dachau in Dachau am 3.8.1948. Erklärung von Sailer, nach: Penzholz 2005 (wie Anm. 7), S. 51.

15Penzholz 2005 (wie Anm. 7), S. 51.

16Brief von Oberdorf’s Bürgermeister Josef Bergmoser an den Generalarbeitsführer Hoppenrath, zit. n. Gerstenmaier, Jürgen: Weimarer Republik und Drittes Reich, in: Kohler, Prof. Dr. Ewald E. (Hrsg): Marktoberdorfer Geschitsbuch, Kempten 1992, S. 88, 94.

17Penzholz 2005 (wie Anm. 7), S. 32.

18BArch, R 9361-II / 938179.

19Penzholz 2005 (wie Anm. 7), S. 51.

20BArch, R 16-I / 1028, Personalakte Landesbauernrat Bayern.

21BArch, R 16-I / 1028, Personalakte Landesbauernrat Bayern.

22SKM Sailer: Protokoll der öffentlichen Sitzung der Lagerspruchkammer Moosburg – Dachau in Dachau am 3.8.1948. Erklärung von Sailer, nach: Penzholz 2005 (wie Anm. 7), S. 51.

23BArch, R 9361-II / 938179.

24BArch, R 16-I / 1028, Personalakte Landesbauernrat Bayern.

25Wikipedia: Struktur der NSDAP (eingesehem am 30.9.2021)

26SKM Sailer: Anlage zum Arbeitsblatt SAILER Franz Markt-Oberdorf, Az- 9872 (Abschrift)

27Penzholz 2005 (wie Anm. 7), S. 53.

28BArch, R 9361-II / 938179.

29Penzholz 2005 (wie Anm. 7), S. 52.

30Penzholz 2005 (wie Anm. 7), S. 60.

31BArch, R 9361-II / 938179.

32BArch, R 16-I / 1028, Personalakte Landesbauernrat Bayern.

33BArch, R 16-I / 1028, Personalakte Landesbauernrat Bayern.

34Vgl. Gies, Horst: NSDAP und Landwirtschaftliche Organisationen in der Endphase der Weimarer Republik, in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, Jahrgang 15, Heft 4, München 1967

35BArch, R 16-I / 1028, Personalakte Landesbauernrat Bayern.

36Marktoberdorfer Landbote vom 12.9.1935, zit. n. Gerstenmaier, Jürgen: Weimarer Republik und Drittes Reich, in: Kohler, Prof. Dr. Ewald E. (Hrsg): Marktoberdorfer Geschitsbuch, Kempten 1992, S. 98.

37Penzholz 2005 (wie Anm. 7), S. 100ff.

38Penzholz 2005 (wie Anm. 7), S. 103.

39Penzholz 2005 (wie Anm. 7), S. 106, 103ff.

40Penzholz 2005 (wie Anm. 7), S. 109f.

41Penzholz 2005 (wie Anm. 7), S. 113.

42Penzholz 2005 (wie Anm. 7), S. 113.

43Gerstenmeier 1992 (wie Anm. 16), S. 96.

44Gerstenmeier 1992 (wie Anm. 16), S. 96.

45Marktoberdorfer Landbote vom 30.11.1934, zit. n. Gerstenmeier 1992 (wie Anm. 16), S. 96.

46Marktoberdorfer Landbote vom 23.09.1935, zit. n. Gerstenmeier 1992 (wie Anm. 16), S. 96f.

47StadtA MOD 1067/1-52: Mietvertrag vom 24.2.1938 zwischen Sailer und dem Markt Oberdorf.

48Penzholz 2005 (wie Anm. 7), S. 34.

49Gerstenmeier 1992 (wie Anm. 16), S. 94.

50SKM Sailer 2613: Protokoll der öffentlichen Sitzung der Lagerspruchkammer Moosburg – Dachau in Dachau am 3.8.1948.

51SKM Sailer 2612/15.

52SKM Sailer 2612/24.

53SKM Sailer: Schreiben von Sailer an den Bürgermeister Trauchgaus [Abschrift von Abschrift].

54SKM Sailer: Schreiben von Sailer an Landrat Pirro vom 29.7.1944 [Abschrift].

55SKM Sailer: Schreiben von Sailer an Landrat vom 21.8.1944 [Abschrift].

56SKM Sailer: Schreiben von Sailer an Bezirksamt vom 9.8.1937 [Abschrift].

57SKM Sailer: Abschrift aus dem Markt Oberdorfer Landboten vom 14. November 1933.

58SKM Sailer: Protokoll der öffentlichen Sitzung der Lagerspruchkammer Moosburg – Dachau in Dachau am 3.8.1948. Erklärung von Sailer

59SKM Sailer 2613: Protokoll der öffentlichen Sitzung der Lagerspruchkammer Moosburg – Dachau in Dachau am 3.8.1948.

60SKM Sailer 2613: Spruch Nr. 9821 der öffentlichen Sitzung der Lagerspruchkammer Moosburg – Dachau in Dachau am 3.8.1948.

61SKM Sailer 2613: Berufung gegen Spruch Nr. 9821 des Öffentlichen Klägers vom 23.8.1948


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