Nazi-Propaganda bei Querdenken in Memmingen

Am Montag stellen sich rund 30 Personen in Memmingen gegen eine Querdenken-Kundgebung. Dort verbreitet eine Rednerin Nazi-Propaganda über einem angeblichen Plan zur Vernichtung des deutschen Volkes.

Am Montagabend protestierten rund 30 Personen am Memminger Marktplatz gegen eine zeitgleich stattfindende Querdenken-Versammlung. Die Jusos riefen dazu auf, sich solidarisch »gegen rechte Hetze und Verschwörungsmythen« zu stellen. Während der per Auflage auf 50 Personen beschränkte Gegenprotest auf einem schmalen Streifen eng zusammengepfercht stehen musste, durften die Pandemieleugner_innen mit bis zu 200 Personen den Marktplatz Memmingen für sich einnehmen.

Ungewohnter Protest schmeckt Querdenken nicht

Unter den Querdenken-Anhänger_innen, die allmontäglich von den selbsternannten Freiheitsboten Memmingen unter dem Motto »Memmingen leuchtet« auf den Marktplatz gerufen werden, um vorgeblich für »Frieden, Freiheit und Demokratie« zu demonstrieren, befanden sich erneut aus der Kemptener Querdenken-Szene bekannte Gesichter. Zuletzt wich Querdenken vor dem Gegenprotest und stärkerer Polizeipräsenz in Kempten nach Memmingen aus.

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Von dem lange ausgebliebenen Protest in Memmingen schien Querdenken dann auch irritiert. Eine Teilnehmerin beschwerte sich bei der Polizei darüber. Später provozierte ein Mann, der kurz zuvor auch als Redner für Querdenken auftrat, den Gegenprotest, sodass er von der Polizei abgedrängt werden musste. Unter den Teilnehmenden war außerdem Simon W., gegen den die Polizei ermittelt, nachdem ihn eine Querdenken-Gegnerin angezeigt hatte, als er ihr im Vorbeiradeln den Hitlergruß zeigte.

Von Geschichtsrevisionismus und Nazi-Propaganda…

Als er versucht, den Protest im Hintergrund zu provozieren, drängt die Polizei einen Querdenken-Redner ab.
Als er versucht, den Protest im Hintergrund zu provozieren, drängt die Polizei einen Querdenken-Redner ab.

»Was wir wollen ist eine restlose Vernichtung der deutschen Wirtschaft«, soll Winston Churchill laut einer Rednerin Ende der 1930er Jahre gesagt haben. Das, so die Rednerin, seien »perfide Worte gegen das deutsche Volk«. 1945 – unmittelbar nachdem die Deutschen Europa in Schutt und Asche gelegt und die europäischen Juden beinahe restlos vernichtet hatten – habe dann »ein US-Vier-Sterne-General« gesagt: »In Wirklichkeit sind die Deutschen das einzige anständige in Europa lebende Volk«.

Dieser General »wollte das Leid in den Rheinwiesenlagern beenden, wo hunderttausende Deutsche Soldaten sich ergeben hatten« und »elendig zugrunde gegangen sind«. Die Rednerin »habe von Zeitzeugen Geschichten gehört, wo mir nur noch die Tränen kommen, wie man die Deutschen dort behandelt hat«. Tatsachenwidrig behauptet sie allerdings, es sei »nie darüber berichtet« worden. Dieses Leid habe der General beenden wollen – und sei verunfallt. Davon »mag jeder selbst denken was er will«, so die Rednerin und meint mit Bezug auf Churchill: »Was sollte passieren? Das Deutsche Volk sollte ausgerottet werden.« Diese Verschwörungslegende verbreitete die NS-Propaganda bereits in den 1930er Jahren.

In den sogenannten Rheinwiesenlagern inhaftierten die USA, Großbritannien und Frankreich bis September 1945 im Rheinland Deutsche Kriegsgefangene. Tatsächlich waren die Ernährung und die hygienischen Verhältnisse in diesen Lagern, eingezäunten verschlammten Wiesen unter freiem Himmel, auf denen die Gefangenen mangels Baracken in offenen Erdlöchern lebten, schlecht bis katastrophal. Heute marschieren dort regelmäßig Neonazis, Geschichtsrevisionist_innen und Holocaustleugner_innen auf, um  den Zweiten Weltkrieg als Verschwörung gegen »das Deutsche Volk« und den Holocaust als erfunden darzustellen. Auf letzteres verzichtete die Rednerin am Montag in Memmingen.

Diese angeblich geplante Ausrottung des deutschen Volkes jedoch sei nicht gelungen, Deutschland sei dennoch eine »starke Nation« geworden. Darauf formuliert die Rednerin den Verschwörungsmythos als Frage: »Was sehen wir heute? Ist wieder ein Plan gegen das Deutsche Volk gerichtet?« Sie wolle »nicht im Einzelnen darauf eingehen, welche Politiker was getan haben, das wissen wir zu genüge.« Darauf applaudierten die Querdenker_innen.

… zur Deutschtümelei

Dagegen setzt sie ein Zitat des ehemaligen US-Botschafters in Bonn, Vernon A. Walters, die Deutschen bräuchten »mehr Selbstachtung und Patriotismus. Ihr habt das Recht dazu. Ihr seid ein großes Volk, das der Welt unermessliche Kulturschätze geschenkt hat, Schätze der Wissenschaft und Kunst.« Auch darauf applaudieren die Querdenken-Anhänger_innen. Sie selbst sei »deutsch und ich bin stolz, deutsch zu sein.« Vom Nationalsozialismus spricht sie freilich nicht.

»Bringt diesmal, soweit vorhanden, eure Musikinstrumente mit oder etwas ähnliches was irgendwie einen Klang erzeugt«, schrieben die Freiheitsboten in ihrem Aufruf. Mit der mitgebrachten bunten Mischung unterschiedlichster Instrumente musizierten sie schließlich am Montag und sangen die Nationalhymne. Anschließend beendeten sie bereits nach rund einer Stunde die Kundgebung, während der Gegenprotest weiter auf sein Anliegen aufmerksam machte.


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