Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche

Was bedeutet es, in einer Welt, in der Weißsein als die selbstverständliche Norm gilt, nicht weiß zu sein? Eine Rezension von Brigitte Makosch, Bündnis Kaufbeuren gemeinsam gegen Rechts.

»Ich kann nicht länger mit Weißen über Hautfarbe sprechen – wegen der konsequenten Verleugnung, der ungeschickten Räder, die sie schlagen, und der geistigen Akrobatik, die sie vollführen, wenn sie darauf aufmerksam gemacht werden. Wer will schon auf eine Systemstruktur hingewiesen werden, die ihm auf Kosten anderer Vorteile bringt?« Und: »People of Colour üben zwangsweise lebenslange Selbstzensur.«

Diese Sätze stehen in Reni Eddo-Lodge’s Vorwort, in dem sie erklärt, wie sich ihr Weblog quasi verselbständigt hat, nachdem sie geschrieben hatte, nicht länger mit Weißen über Hautfarbe sprechen zu können. Plötzlich wurden sie und ihre Erfahrungen wahrgenommen – daraufhin schrieb sie das vorliegende Buch.

Das Buch ist das Beste, was ich je an Analyse über Rassismus, Feminismus, Menschenrechte und Gesellschaft bis hin zum kapitalistischen System gelesen habe – und es schärft das eigene Denken. Alles hängt mit allem zusammen, und die Autorin nennt die Gruppe der betroffenen Menschen folgerichtig auch »Menschen mit BME-Hintergrund« (Black and Minority Ethnic).

Frau Reni Eddo-Lodge beschreibt schonungslos und in die Tiefe gehend, alle Klischeeklippen souverän umschiffend, den alltäglichen Rassismus von uns allen.

Jene Unfähigkeit, wirklich auf Augenhöhe mit People of Colour und allen anderen benachteiligten und nicht-beteiligten Menschen umzugehen – oder oft auch nur umgehen zu wollen.

Und auch Menschen, die sich für tolerant halten oder als solche gelten, werden sich nach der Lektüre fragen, ob nicht doch das eine oder andere Verhalten verbesserungswürdig ist. Rassismus und Hochmut sitzen so tief, dass es für jeden einzelnen Menschen in diesem Buch etwas zu verstehen und zu lernen gibt.

Frau Eddo-Lodge schreibt meines Erachtens mit messerscharfem Verstand, entwaffnend und dabei ohne Vorwurf und ohne eine Spur von Hass, sodass dieses Buch in allen Schulen, Bibliotheken und für alle Menschen zur Pflichtlektüre erklärt werden sollte.

Großartig geschrieben – sowohl historisch als auch durch erschütternde Erfahrungsberichte untermauert – ist das Buch, das den Rassisten in uns allen aufdeckt, auch noch.

Ein zutiefst ehrlicher, an den in uns verschütteten »Menschen« gerichteter Appell für weltweite – leider immer noch ausstehende – Menschlichkeit.

Ich liebe dieses – auch bewegende – Buch.

Reni Eddo-Lodge: Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche, Tropen-Verlag, 2019, ISBN 978-3-608-50419-4, 18,00 Euro. Aus dem Englischen von Anette Grube (Orig.: Why I‘m No Longer Talking To White People About Race)


Hilfe: Du hast selbst einen Übergriff erlebt?

Dann kannst du Hilfe bei B.U.D. Bayern bekommen. Das ist eine unabhängige Beratungsstelle für Betroffene von rechten, rassistischen und antisemitischen Übergriffen.

Zeug_innen können sich an B.U.D. Bayern wenden, dann wird der Vorfall registriert und Betroffenen geholfen – wenn sie das wollen.

Eltern, Angehörige und Freunde von Jugendlichen, die sich rechts orientieren, können Hilfe bei der Elternberatung bekommen.

Und wenn du selbst etwas gegen Rechts unternehmen willst, steht dir die Mobile Beratung zur Seite.

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