Querdenken zwischen Instrumentalisierung und Opferinszenierung

Antifaschist_innen werfen den Anhänger_innen von Querdenken am Sonntag in Memmingen erneut deren Nähe zur extremen Rechten vor, während diese sich als Opfer von Rassismus und einer »Hexenverfolgung« inszenieren.

Rund 200 Personen fanden sich am Sonntagnachmittag auf dem ehemaligen Landesgartenschaugelände in Memmingen ein. Sie folgten zwei Aufrufen. Einer kündigte einen »Hexenprozess« gegen Doreen Schneider an, deren Ravensburger Querdenken-Ableger unter Beobachtung des Verfassungsschutzes steht. Der andere lud unter dem Motto »Nein zu Nazis, Rassismus, Diskriminierung; Ja zu Frieden, Freiheit und Rechtsstaatlichkeit«.

Dazu sollten die Teilnehmenden möglichst unterschiedliche Nationalflaggen mitbringen, wie einer der Organisatoren bereits bei einem ebenfalls von ihm organisierten Fackelmarsch Ende Januar forderte. Damals bot ein Redner dem Bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder die Alternative zwischen Exil und Exekution. Das Publikum quittierte diese Worte mit tosendem Applaus und den Worten »I‘ zahl d‘ Strick!«

Instrumentalisierung als Opferinszenierung

»Heute setzen wir in Memmingen, der Stadt der Freiheitsrechte ein Zeichen für Frieden, Freiheit und Rechtsstaatlichkeit. Es ist uns auch wichtig, klare Kante gegen Nazis, Diskriminierung und Rassismus zu zeigen«, eröffnete ein Redner die Veranstaltung. Dabei trug er die Flagge des israelischen Nationalstaates wie einen Umhang. Darauf kreierte er einen Rassismusbegriff, nach dem Querdenker_innen davon betroffen seien. Denn sie würden ausgeschlossen, »weil sie anderer Meinung sind oder weil sie zu bestimmten Parteien gehören. Das ist Rassismus! Das ist Diskriminierung!« Der Begriff »Nazi« sei ebenfalls nur noch ein politisches Unterdrückungsinstrument.

»Als Zeichen dagegen« habe er »Politiker« eingeladen, die im Folgenden auf der Kundgebung sprechen sollen. Darunter Daniel Langhans, der die Versammlung aber verließ, bevor er seine Rede halten konnte. Bereits früher untersagte ihm die Polizei in Memmingen die Teilnahme, nachdem er das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes verweigerte. Davor bediente er auf einer Querdenken-Kundgebung in Memmingen antisemitische Verschwörungsmythen.

Kritik als »Hegenjagdt«

Anschließend inszenierte Querdenken ein Schauspiel, in dem die Kritik an den von Doreen Schneider veranstalteten Versammlungen in Ravensburg und deren Beobachtung durch den Verfassungsschutz als »Hexenjagdt« dargestellt wurde, an deren Ende Schneider auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden solle. Schneider habe lediglich einige Versammlungen organisiert und an diesen teilgenommen und werde dafür verfolgt. Von der konkreten Kritik an deren Inhalten und Zielen berichtete die Inszenierung nicht.

Die Kritik griffen dafür Gegendemonstranten auf, die sich unter dem Motto »Stoppt das Geschwurbel« ebenfalls am Landesgartenschaugelände versammelten. Bewusst im kleinen Kreis trafen sie sich an einem Banner für »Solidarität statt Sozialdarwinismus«. Die Antifaschist_innen kritisierten in einem Redebeitrag etwa: »Antisemitische Sprache in Wort und Bild ziehen sich durch alle Querdenken-Demos und Chatgruppen im ganzen Allgäu und darüber hinaus.» Ebenso die »regelmäßige Präsenz und das aktive Mitmischen von unterschiedlichsten extrem Rechten.« Erst am Montag zuvor seien rund 30 Anhänger von Querdenken in Kempten hinter einem NPD-Banner marschiert. Gleichzeitig leugne man Rechte und deren Ideologien in den eigenen Reihen. Wer das nicht mittragen und sich glaubhaft distanzieren wolle, müsse der Querdenken-Bewegung den Rücken kehren.


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