Langes Wochenende für Querdenker und ihre Gegner

AfD-Lokalpolitiker Rainer Rothfuß relativiert am Sonntag in Lindau den Nationalsozialismus. Kaum eine Querdenken-Veranstaltung kommt am Wochenende im Allgäu ohne solche Töne aus. Selbst Nazis sind willkommen.

»Gegen Maskenpflicht« und »Marionettenregierung« in Memmingen

Unter dem Motto »Friday for Frischluft« versammelten sich am Freitag rund 170 Menschen und zogen durch die Memminger Innenstadt.
Unter dem Motto »Friday for Frischluft« versammelten sich am Freitag rund 170 Menschen und zogen durch die Memminger Innenstadt.

Unter dem Motto »Friday for Frischluft« versammelten sich am Freitag laut Polizei rund 170 Menschen auf dem Memminger Stadionparkplatz. Sie folgten dem Aufruf »gemeinsam gegen die Maskenpflicht« des Memminger Ablegers von Querdenken.  Wie so häufig behauptete der Anmelder als Kundgebungsredner, man sei nicht rechts und habe mit Rechten nichts zu tun. Später meinte Daniel Langhans, die Kritiker_innen würden »alle anderen als Nazis beschimpfen nur weil sie nicht ihrer Ansicht sind«. Freilich ohne auf deren Kritik einzugehen.

Dafür gab Langhans selbst krude Thesen über Reichsbürger und den 2+4-Vertrag zum Besten. Mit dem Begriff Reichsbürger solle Querdenken »dämonisiert« werden. Aber das mache man nicht mit. Darauf bediente Langhans antisemitische Verschwörungsmythen: »Wir lassen uns nichts von den Politikern, die nur irgendwelche Marionetten sind, die irgendwelche Handlanger sind von irgendwelchen fernab entscheidenden Leuten. Wir lassen uns von denen nichts mehr sagen!«

Im Anschluss an die Auftaktkundgebung zogen die selbsternannten Querdenker durch die Innenstadt. Bei ihrer Passage am Westertorplatz empfingen sie rund 60 Antifaschist_innen, die dem Aufruf der Linkspartei zu einer Kundgebung »gegen Verschwörungswahnsinn und rechte Hetze in unserer Gesellschaft« gefolgt sind. Ihr Motto: »Gemeinsam achtsam – mit Abstand zusammenhalten«. Die Gegendemonstrant_innen stehen laut einem Positionspapier auch für eine solidarische und rücksichtsvolle Lösung der auch wirtschaftlichen Folgen der Pandemie und wollen sich kritisch in die Debatte um die Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie einbringen.

Voice of Anger in Aichach

Erneut nimmt der Voice of Anger Anhänger Nick D. neben Anhängern der Identitären Bewegung und Kämpfern der Tigers Arena an einer Querdenken-Versammlung in Memmingen teil.
Erneut nimmt der Voice of Anger Anhänger Nick D. neben Anhängern der Identitären Bewegung und Kämpfern der Tigers Arena an einer Querdenken-Versammlung in Memmingen teil.

In Aichach folgten am Samstag mehrere hundert Personen einem Aufruf von Querdenken 821. Darunter war auch der Neonazi NIck D. im Kreise von Anhängern der Identitären Bewegung und dem Inhaber des Augsburger Kampfsportstudios Tigers Arena, das immer wieder mit Bezügen zur rechtsradikalen Szene auffällt. Das berichtet das Blog Rechte Umtriebe Augsburg. Nick D. gilt als Anhänger der neonazistischen Skinheadkameradschaft Voice of Anger und fiel bereits im März auf einer »Corona-Demo« in Augsburg auf.  Auch in Memmingen war die Allgäuer Kameradschaft jüngst bei einer Querdenken-Versammlung vertreten.

Mehr zu diesem Thema:  Voice of Anger nimmt an Memminger Corona-Demo teil

Trojaner bei Autokorso in Kempten

Am Samstag hielt Querdenken 831 – Kempten einen Autokorso ab. Vorwiegend mit beschrifteten Din A4-Zetteln wollten sie auf ihr Anliegen aufmerksam machen. Dazu fuhren sie vom Feuerwehrparkplatz über den Hildegardplatz zum Forum und über Freudenberg und Rathaus wieder zurück. Doch eines der Teilnehmenden Fahrzeuge sorgte für eine Überraschung: Einige Antifaschist_innen nutzten die Gelegenheit »und mogelten sich unauffällig mit einem ›Alibi-Banner‹ […] auf ihrem Fahrzeug unter den Konvoi«, berichten die Aktivitst_innen. Kurz nachdem der Autokorso am Feuerwehr-Parkplatz startete, hätten sie das Banner jedoch entfernt.

Darunter sei ein weiteres Banner mit der Aufschrift »Dieser Autokorso ist scheiße! Mehr auf reactor.noblogs.org« zum Vorschein gekommen. Gleichzeitig begannen die Antifaschist_innen mit Durchsagen über ein Megaphon: »Achtung, Achtung! Dieser Autokorso ist scheiße, unsolidarisch, egoistisch und macht gemeinsame Sache mit Nazis und anderen extremen Rechten! Haltet Abstand von Querdenken Kempten! Bleibt solidarisch, tragt eure Masken, haltet Abstand und zeigt klare Haltung gegen Rechts«, schallte es etwa den Besucher_innen des Wochenmarkts entgegen, wie auf einem Video der Aktion zu sehen ist.

Später bietet die Anmelderin des Autokorsos in einer öffentlichen Telegram-Gruppe, eine »Adressliste der Antifa« an, auf der »bestimmt auch ein paar von diesen komischen Vögeln« zu finden seien. Dabei dürfte es sich um einen einige Jahre alten Neonazi-Hack handeln, der bereits mehrfach durch die Allgäuer Querdenken-Gruppen ging. Eine andere Person veröffentlicht das KFZ-Kennzeichen der unliebsamen Korsoteilnehmer_innen und wünscht »solch sympathische Gäste bei eurer Party, wie ihr sie bei uns ward«, worauf J. sich um eine Abfrage des Fahrzeughalters bemühen möchte. Eine dritte Person bittet um die Adressliste und schreibt: »Vielleicht sind sie bei direktem Kontakt dialogfähig.« Ein weiterer Nutzer meint: »Der Antifantin hätte ich Krähenfüße vor die Reifen geworfen.«

»Lichtermarsch« bringt »die Wahrheit« nach Obergünzburg

Ein Plakat warf dem »Lichtermarsch« von Querdenken am Samstag in Obergünzburg vor, nicht für Freiheit, sondern Egoismus zu stehen, ein Transparent forderte »Solidarität statt Verschwörungswahn«.
Ein Plakat warf dem »Lichtermarsch« von Querdenken am Samstag in Obergünzburg vor, nicht für Freiheit, sondern Egoismus zu stehen, ein Transparent forderte »Solidarität statt Verschwörungswahn«.

»Wir sind das Licht«, hieß es in einem Aufruf, der unter den selbsternannten Querdenkern für einen »Lichtermarsch« am Samstagabend in Obergünzburg warb. Im Rahmen eines »Spaziergangs« wollten die rund 125 Teilnehmenden Kerzen vor dem Rathaus ablegen.

Doch das verhinderten Gemeinderäte, die sich vor dem Gebäude postiert hatten, berichtet einer der Gemeindevertreter auf unsere Anfrage. Die Amtsträger mussten sich demnach den Vorwurf gefallen lassen, von einer aus 300 Personen bestehenden vermeintlichen Weltregierung gekauft zu sein, um die Bevölkerung zu belügen und zum Mitmachen zu bewegen. Man selbst sei im Gegensatz zu all den »Schlafschafen« erleuchtet und bringe »die Wahrheit«.

An der Route des »Lichtermarsches« hinterließen Unbekannte Zeichen ihres Protests gegen die Querdenker. Ein Plakat warf ihnen vor, nicht für Freiheit, sondern Egoismus zu stehen, ein Transparent forderte »Solidarität statt Verschwörungswahn«.

NS-Relativierung durch AfD-Politiker in Lindau

Rainer Rothfuß diskutiert während eines Infostandes zum Europawahlkampf der AfD am 27. April 2019 in Lindenberg mit Gegendemonstranten.
Rainer Rothfuß diskutiert während eines Infostandes zum Europawahlkampf der AfD am 27. April 2019 in Lindenberg mit Gegendemonstranten.

Eine »öffentliche friedliche Kundgebung und Podiumsdiskussion mit Vertretern aus Politik, Medizin, Wirtschaft, Medien und Menschen aus der Mitte« kündigte Klardenken Schwaben vor dem Valentin-Heider-Gymnasium in Lindau an. Die Gründerin und Leiterin von Klardenken Schwaben, Loba Salome Pahl, eröffnete die Kundgebung am Sonntagmittag mit einer Rede, in der es hieß, »unser Leben wird durch die aktuellen Maßnahmen und nicht durch das Virus reell beroht.« Das könne man als »das globale Leiden« bezeichnen. Man solle nicht den Medien glauben schenken, sondern »selber denken«. Das bedeute für Pahl, »euer Herz sprechen lassen, wieder lernen zu spüren, um heraus zu finden, was eure Wahrheit ist.« Klardenken sei »für Menschen aus der Mitte, die keinem politischen Spektrum angehören« und stehe für »Frieden, Freiheit und Transparenz«.

Rolf Kron relativierte drei Wochen zuvor auf der Bühne von Klardenken Schwaben in Lindau den Nationalsozialismus, indem er sagte, der Mund-Nase-Schutz sei das heutige Pendant zum Hitlergruß, den er auch zeigte. Als er am Sonntag erneut auf der Bühne stand, zeigte er sich »erschreckt«, dass ihn die Presse deshalb angeblich »zu einem Nazi degradieren« würde, nur weil er »ein Lehrbeispiel gebracht« und »ein Zeichen gemacht habe, für das man verfassungsrechtlich verfolgt wird«. Nun müsse er seine »Hände in der Tasche lassen, damit das nicht wieder von der Presse missbraucht« werde.

Mehr zu diesem Thema:  Hitlergruß auf der Bühne von »Klardenken Schwaben«

Obwohl man »alle Politiker eingeladen« habe, hätten jedoch nur zwei »den Mut gehabt, da zu sein«, kündigte Loba Salome Pahl dann den Auftritt von FDP-Stadtrat Uli Jöckl und Rainer Rothfuß an. Jöckl warb für Verständnis der Corona-Maßnahmen, kam damit beim Publikum aber sehr schlecht an. Rothfuß‘ Position dafür umso besser. Er ist Ortsvorsitzender der AfD sowie Stadt- und Kreisrat, will das am Sonntag aber ausdrücklich nicht sagen. Wegen Bedenken, dass die Teilnahme eines AfD-Politikers den »Corona-Demos« schaden könnte, hielt er sich bislang fern.

Rothfuß spricht von einem »great reset«, und einem »neuen System«, das scheinbar eingeführt werden solle. Tiefer wolle er auch darauf nicht eingehen, aber das sei für ihn der Grund, dass »diese kritischen Experten nicht zu Wort kommen«, die behaupten, Corona sei »wie eine Grippe in den Vorjahren«. Wie Kron relativierte Rainer Rothfuß den Nationalsozialismus: Komme »eine Zwangsimpfung, dann erinnert mich das an diese Zeit.« Auch Rothfuß erntet dafür Applaus. Zum MNS meint Rothfuß, er würde Kinder »traumatisieren« und »auf Raten ersticken«. Mit den Worten »ihr seid die Hoffnung für Deutschland und für die Welt« verabschiedete sich der AfD-Lokalpolitiker dann bei seinem Publikum.

Mehr zu diesem Thema:  Rainer Rothfuß' Weg nach Rechtsaußen

Als letzter Redner stellte sich Wolfgang Gänsler als »seit 30 Jahren promovierter Zahnmediziner« vor und meinte: »Es gab noch nicht einmal ein radikales rechtes oder braunes Wort in all unseren Demos und Gruppierungen. Wir sind die bürgerliche Mitte. Wir sind die Mehrzahl in unserem Land.« Damit stellte er sich in direkten Widerspruch zu seinem Vorredner. Der Augsburger Rechtsanwalt Edgar Krein begrüßte ausdrücklich, dass Radikale, Rechte, Reichsbürger und andere an den Versammlungen teilnehmen. Applaus erhielten sowohl Edgar Krein als auch Wolfgang Gänsler.

NS-Relativierung und Einladung an Nazis in Kempten

Mehr als 500 Menschen folgten den NS-relativierenden Reden vom Corona-Info-Bus in Kempten.
800 Menschen folgten den NS-relativierenden Reden vom Corona-Info-Bus in Kempten.

Am Montagabend legte der sogenannte Corona-Info-Bus von »Schwindelarzt« Bodo Schiffmann und Verschwörungs-Missionar Samuel Eckert, dem die Kirche ein Predigtverbot auferlegte, Station auf dem Hildegardplatz in Kempten. Schon als der Bus eintraf, war das Gedränge der laut Polizei rund 800 Teilnehmenden der Versammlung, zu der zuvor in Querdenken-Kreisen mobilisiert wurde, groß. Viele trugen dabei keinen Mund-Nasen-Schutz, obwohl die Situation das Einhalten von Abstände unmöglich machte.

Dem stellten sich einige Antifaschist_innen mit Bannern gegen Verschwörungsmythen und Antisemitismus entgegen. Sie werfen den selbsternannten Querdenkern einen »Schulterschluss mit Rechts« vor und skandierten Parolen. Darauf reagierten einige der Redner wieder mit der Behauptung, mit Rechten habe man nichts zu tun, nur um dann deren Teilnahme an den eigenen Versammlungen zu begrüßen. So etwa Rolf Kron, der zwar keine Rechten auf den bisher von ihm besuchten Querdenken-Versammlungen gesehen haben will. Einige Sätze später sagte Kron jedoch, er habe »keine Ahnung«, ob die Menschen im Publikum wenn sie nach Hause führen, ihre Frauen schlügen, sich mit Kinderpornos beschäftigten oder »Hitlerkreuze an die Wand malen«. Das sei ihm auch egal. Denn sie seien hier und das sei gut so. Er selbst gehöre zur ersten Reihe der Verschwörungstheoretiker, weil er seit 33 Jahren über Impfungen aufkläre.

Auch in Kempten kamen die »Querdenker« nicht ohne die Relativierung des Nationalsozialismus aus. Mehrmals deuteten verschiedene Redner_innen an oder sprachen explizit von einer weltweiten Verschwörung zur Errichtung autoritärer faschistischer Regimes vergleichbar mit dem der Nationalsozialisten. Zudem sagte ein Sprecher aus dem Kreis der Organisatoren: »Wir distanzieren uns von Gewalt […] nicht von links und nicht von rechts […] Denn alles andere ist Faschismus«. Wenn man Nazis ausgrenze, sei das das selbe wie wenn ein Nazi das mit Juden mache. Erstere müsse man »in den Arm nehmen«. Umgekehrt sei die Agitation gegen Querdenken wie damals, als es hieß »kauft nicht bei Juden«. Jüngst teilte Tourleiter Bodo Schiffmann online selbst ein Photo des Eingangstors des KZ Dachau. In seiner Version des Bildes war der dortige Schriftzug durch die Worte »Impfen macht frei« ersetzt.

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