»Sieg Heil«-Rufe unter König-Ludwig-Brücke in Kempten

Während einer Feier unter freiem Himmel in Kempten ertönen immer wieder »Sieg Heil«-Rufe. Die herbeigerufene Polizei erkennt keine Straftaten, will aber laut Augenzeugen ein Video nicht sehen, das diese dokumentiert.

Am Abend des 27. Juli feierte unterhalb der König-Ludwig-Brücke in Kempten eine Gruppe von etwa zehn bis 15 Jugendlichen. Immer wieder antworteten auf den »Adolf«-Ruf eines Einzelnen mehrere Feiernde mit »Hitler« oder brüllten gemeinsam »Sieg Heil«. Das meldet ein Leser, der durch Zufall mit Freunden die Brücke passierte. Das ganze sei »von Marschmusik untermauert« gewesen.

Nach zehn Minuten hätten die Zeugen die Polizei verständigt und erklärt, dass »Sieg Heil« und »Adolf Hitler« gebrüllt wurde. Als diese am Tatort eintraf, sei die Gruppe jedoch bereits auf mehr als 30 Personen angewachsen, habe »normale« Musik gespielt und keine Parolen mehr gerufen.

Polizei verzichtet auf Personalienfeststellung

 

Den Einsatz bestätigt die Polizei auf Anfrage: »Die Polizei Kempten wurde am 27.07.2019 gegen 21:30 Uhr über mehrere Jugendliche informiert, die unterhalb der Brücke, in der Nähe des Spielplatzes laut Musik hören und herumschreien. Die Jugendlichen wurden angetroffen, haben den Platz aufgeräumt und erhielten einen Platzverweis, dem sie nachgekommen sind«, so Polizeisprecher Alexander Merz.

Erst auf nochmalige Nachfrage erfuhr der Sprecher vom Leiter der Polizeiinspektion Kempten, dass die Einsatzkräfte gerufen wurden, »da Jugendliche sich im Bereich der König Ludwig Brücke aufhalten und angeblich „Nazi-Lieder“ hören sollen.« Doch: »Aus der Einsatzsituation heraus ergaben sich keine Anhaltspunkte, das indizierte Musik abgespielt wurde.«

Man habe »im Rahmen der Verhältnismäßigkeit des Einschreitens« darauf verzichtet, Personalien festzustellen, da »die Feststellungen vor Ort, die durch die Beamten getroffen wurden« nicht deren Notwendigkeit eröffnet hätten. Allerdings stellt der Ausruf »Sieg Heil« unzweifelhaft eine Verwendung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen dar. Als Offizialdelikt müsste diese Straftat von Amts wegen verfolgt werden.

Video untermauert Vorwürfe

Zeugen hatten ein Video aufgenommen, das deren Angaben untermauert. Als die Polizeibeamten am Ort des Geschehens eingetroffen sind, wollen sie auf diese zugegangen sein und hätten erklärt, weshalb sie sie gerufen hatten. Das Video hätten die Polizisten vor Ort aber nicht sehen wollen. Deshalb habe der Filmer seine Mobilnummer angegeben, um sich als Zeuge zur Verfügung zu stellen. Bis heute sei er jedoch von der Polizei nicht kontaktiert worden.

Später in der selben Nacht wurden Anwohner am westlichen Ende der Bodmanstraße in Kempten von weiteren »Sieg Heil«-Rufen einer sich entfernenden Personengruppe aus dem Schlaf gerissen. Ein Zusammenhang mit der Situation an der König-Ludwig-Brücke drängt sich auf, wird aber wohl mangels Personalienfeststellung nicht mehr zu klären sein.


(Titelbild: KZ Auschwitz, Erica Magugliani)

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