Rechtsradikale inszenieren sich als Tierschützer

Bad Grönenbach, 24. Juli 2019. Die neonazistische Partei Der Dritte Weg widmet einer Enthüllung der SOKO Tierschutz einen Artikel und nimmt sie zum Anlass für eine ihrer üblichen Flugblattaktionen.

Nachdem die SOKO Tierschutz ihre Recherche zum Milchviehbetrieb von Franz Endres in veröffentlicht hatte, wollen Aktivisten des Dritten Wegs am 24. Juli »mehrere Hundert Flugblätter zum Thema Umweltschutz ist Heimatschutz« in Bad Grönenbach verteilt haben. Zudem erscheint auf der Internetseite der Kleinstpartei ein Beitrag, der die Missstände in landwirtschaftlichen Großbetrieben kritisiert. Doch woher kommt das Interesse an Tierrechten bei den Rechtsradikalen?

Die nationalsozialistische Blut-und-Boden-Ideologie in neuem Gewand

»NS jetzt« ist nur eine der unverhohlenen Forderungen der durch Plauen marschierenden Neonazis der Partei Der Dritte Weg. ©S. Lipp
»NS jetzt« ist nur eine der unverhohlenen Forderungen der durch Plauen marschierenden Neonazis der Partei Der Dritte Weg. ©S. Lipp

In ihrem Beitrag heißt es beispielsweise: »Mit den klassischen Werten des deutschen Bauernstands hat diese skrupellose Ausbeutung von Tieren nichts mehr zu tun.« Auf dem verteilten Flugblatt wird die »Erhaltung und Entwicklung der biologischen Substanz des Volkes« gefordert. So steht es auch im »10-Punkte-Programm« der rechtsradikalen Partei, das auf Elemente des 25-Punkte-Programms der NSDAP zurückgreift.

Grundlage für solche Aussagen ist die völkische Vorstellung, dass ein rassisch definierter »Volkskörper« und dessen »Reinheit« von einer mystifizierten Verbindung mit der bewohnten und landwirtschaftlich genutzten Flora und Fauna abhängt. Neben dieser rassistischen Komponente gibt es aber auch territoriale Begründungsmuster für den Tier- und Umweltschutz extrem rechter Gruppen.

Auch aus Südschwaben reisten Teilnehmer und Funktionäre des teils militärisch anmutenden Maiaufmarsches der Partei Der Dritte Weg an. ©S. Lipp
Auch aus Südschwaben reisten Teilnehmer und Funktionäre des teils militärisch anmutenden Maiaufmarsches der Partei Der Dritte Weg an. ©S. Lipp

Das Flugblatt warnt auch davor, dass die Versorgung der heimischen Bevölkerung durch »ausländische Billigprodukte« gefährdet sei. Dabei ist ausgerechnet Deutschland nach wie vor der größte Milchproduzent in Europa. In einem Diskussionsbeitrag auf der Internetseite von Der Dritte Weg wird behauptet »Die nationale Position „Umweltschutz ist Heimatschutz“ ist klar und für viele war damit lange Zeit alles gesagt.«

Und weiter heißt es dort: »Die organisierte nationalistische Bewegung hat kein grundlegendes Thesenpapier zum Thema Umweltschutz in den letzten Jahrzehnten hervorgebracht.« In diesem Plädoyer der rechtsradikalen Aktivisten rücken die Auswirkungen von fossilen Brennstoffen auf das Klima schnell in den Hintergrund und weichen Autonomiebestrebungen. Denn fossile Brennstoffe sind in diesem Verständnis nur solange problematisch, wie sie »fremden Mächten« gehören und potentiell die Souveränität der eigenen Nation gefährdet sein könnte.

Felser stellt sich schützend vor »unsere« Bauernschaft

Peter Felser spricht im Bundestag am 12.12.2017, Screenshot: Youtube

Auch seitens der AfD verhält man sich zu den Recherchen der SOKO Tierschutz. Peter Felser, der in seiner Jugend eine stramm rechte, völkisch-nationalistische Kaderschmiede durchlief, stellt sich ganz in völkischer Tradition schützend vor die Landwirte. Er warnt davor »unsere« Bauern unter Generalverdacht zu stellen und behauptet sie würden mit einem »ausgeprägten Verantwortungsbewusstsein für Natur, Umwelt und für die anvertrauten Nutztiere« arbeiten.

Dabei ist es gemeinhin bekannt, dass beispielsweise die Nitratwerte im deutschen Trinkwasser gerade wegen der Bodenbelastung durch die Viehwirtschaft immer mehr zum Problem werden. Auch die enorme Umweltbelastung durch den weltweiten Sojaanbau, das importiert zu 80 Prozent als Mastfutter in der Viehwirtschaft eingesetzt wird, dürfte den meisten Menschen geläufig sein. Landwirte, die einen Biohof betreiben oder sich auf Gemüseanbau ausgerichtet haben, dürften wohl kaum wegen der Berichterstattung und Diskussion über den großen Milchviehbetrieb von Franz Endres unter Generalverdacht gestellt werden.

Ein Gedanke zu „Rechtsradikale inszenieren sich als Tierschützer“

  1. Die hohe Affinität von erschreckend vielen „Tierfreunden“, Tierschützern und Tierrechtlern zum rechten Rand habe ich schon vor vielen Jahren auf meinem tierschutzkritischen Blog Doggennetz.de dokumentiert. Dort finden sich Dutzende von Artikeln zum Thema (Suchleiste nutzen!) sowie ganze Artikelserien wie zum Beispiel: „Rechtsextremismus im Tierschutz“. Aus der Fülle derer verlinke ich hier exakt den DN-Artikel, der sich mit dem im obigen Beitrag angesprochenen Friedrich Mülln von der Soko Tierschutz befasst:
    http://www.doggennetz.de/index.php?option=com_content&view=article&id=1878:aua1434-rechtsextremismus-im-tierschutz-12-das-war-noch-nie-da-klares-bekenntnis-der-soko-tierschutz-gegen-rechts&catid=37:tier-a-doggen-schutz-kritik&Itemid=117
    Mülln gehörte zumindest in meinem damaligen Beobachtungszeitraum zu den wenigen Tierrechtlern, die sich klar und deutlich von rechts abgegrenzt haben. Auch auf dem Facebook-Account des Vereins hat Mülln konsequent Hate-Speech unterbunden.
    Aufgrund der massiven Bedrohungen von rechtsextremistischen Tierschützern musste ich den Blog 2015 einstellen. Er fungiert heute lediglich als Archiv und gibt keine aktuellen Recherchestände mehr wieder. Allerdings zeigen 1.500 Artikel dort, dass erschreckend große Teile der Tierschutzszene schon seit vielen Jahren und systematisch vom Rechtsextremismus durchsetzt werden.
    Karin Burger
    Redaktion Doggennetz.de (Archiv) und SatireSenf.de

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