Querdenken: »Erschreckend breite Koalition von Feinden einer aufgeklärten Gesellschaft«

Fehlender Mindestabstand versammelt 40 Expert*innen, die fürchten, dass die permanenten Grenzüberschreitungen aus der Querdenken-Szene einen demokratischen Diskurs beschädigen, Menschenverachtung und Hass normalisieren und durchlässig in Richtung eines neuen Terrorismus werden.

»So sehr, wie die Pandemie auf absehbare Zeit unseren Alltag verändern wird, so groß ist die Gefahr, dass die zunehmende Radikalität der Leugnerbewegung und die Normalisierung von Verschwörungsnarrativen, Wissenschaftsfeindlichkeit, Antisemitismus und Rassismus die Koordinaten politischen Handelns und gesellschaftlichen Zusammenlebens verschieben werden.« Das schreiben die Journalist*innen Heike Kleffner und Matthias Meisner im Vorwort des von ihnen im Herder-Verlag herausgegebenen Sammelbandes Fehlender Mindestabstand.

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Diskurs wird »durchlässig in Richtung eines neuen Terrorismus«

Darin versammeln sie 40 Autorinnen und Autoren, die die Coronakrise und die in ihrem Zuge um die selbsternannte Querdenken-Bewegung entstandenen Netzwerke der Demokratiefeinde kritisch analysieren. Dabei seien sie »kein Bill-Gates-Fanclub«, ein Vorwurf, den Querdenken-Anhänger*innen gerne ihren Kritiker*innen machen, um sie zum Teil einer angeblich von Bill Gates angezettelten Verschwörung zum »Genozid an der Menschheit« zu deklarieren, der mittels der durch die Regierenden verordneten Impfung herbeigeführt werde. Tatsächlich gehöre »kritische Berichterstattung über jedwedes Regierungshandeln« zu ihrem Arbeitsalltag, so die Journalist*innen.

Zwar seien sie sich keineswegs über die richtige Strategie zur Pandemiebekämpfung einig, doch eine sie »die Sorge um die Bedrohung der Demokratie auf der Straße und im Netz, die Verzweiflung über um sich greifenden Hass, die Sorge um die Auswirkungen der Hetze gegen Medienschaffende und Politikerinnen und Politiker, das Entsetzen über Brandanschläge etwa auf das Robert-Koch-Institut oder die Drohungen gegen Wissenschaftler wie Christian Drosten.« Sie fürchten, dass die permanenten Grenzüberschreitungen aus der Querdenken-Szene einen demokratischen Diskurs beschädigen, Menschenverachtung und Hass normalisieren und durchlässig in Richtung eines neuen Terrorismus werden.

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»Erschreckend breite Koalition von Feinden einer aufgeklärten Gesellschaft«

Dieses Buch analysiert das Phänomen einer erschreckend breiten Koalition von neuen und alten Feinden des demokratischen Rechtsstaats und einer aufgeklärten Gesellschaft und nimmt dabei auch Entwicklungen in Frankreich, den USA, Österreich und Tschechien in den Blick. Heike Kleffner und Matthias Meisner haben zahlreiche Expertinnen und Experten versammelt, die sich fundiert den einzelnen Gruppierungen und Milieus widmen, ihre Vernetzung aufzeigen und im Gefolge der Coronakrise vor den Auswirkungen einer antidemokratischen Welle warnen.

Dafür ziehen Kleffner und Meisner auch einen Vorfall aus dem Allgäu heran. So habe ein Redner einer Querdenken-Kundgebung im November 2020 in Kempten vor rund 800 teils applaudierenden Fans eine der das Milieu einenden Haltungen drastisch zum Ausdruck gebracht, als er sagte: »Ich habe keine Ahnung, ob ihr jetzt gleich nach Hause fahrt und eure Frauen oder Männer verprügelt, ob ihr gewalttätig seid, ob ihr euch kinderpornografisches Material anschaut oder ob ihr Hitlerkreuze an die Wände malt. Das ist mir auch völlig schnuppe. Ihr seid hier, weil wir gemeinsam für eine Sache stehen. Und das ist für unsere Freiheit und für unsere Zukunft.«

Im Fokus des Buches stehen aber auch die Angegriffenen, die Zielscheibe von Morddrohungen, Beleidigungen und Hetzkampagnen sind. Menschen, die wegen ihrer realen oder vermeintlichen Herkunft aus einem asiatischen Land von Nachbar*innen mit Desinfektionsmitteln besprüht, beim Einkaufen von Unbekannten beleidigt und bedroht werden. Journalistinnen, die vor den Fenstern ihrer Redaktionen mit einem Galgen konfrontiert sind, den Unbekannte errichtet haben, und die täglich Drohmails erhalten. Wissenschaftler, deren Forschung und Studien zur Pandemie diffamiert, diskreditiert und die auf Demonstrationen der Leugnungsbewegung zur Fahndung ausgeschrieben werden. Politiker*innen, die die Fenster ihrer Wahlkreisbüros mit bruchsicherem Glas ausstatten und ständig mit Bedrohungen und gewalttätigen Angriffen rechnen müssen.

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»Für einen gesellschaftlichen Klimawandel«

In seinem Geleitwort zu dem Buch warnt Josef Schuster auch eindringlich vor den antisemitischen Verschwörungsideologien, die durch Querdenken popularisiert wurden. Sie bilden auch den Kitt, die eine Mischung möglich macht, »wie man sie in dieser Form noch nicht kannte: Rechtsextremisten neben linken Impfgegnern, Esoteriker neben christlichen Gruppen, Ökolatschen neben Springerstiefeln.«

Doch trotz alledem ist der Mediziner und Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland »zuversichtlich, dass wir mit dem Ende der Hygienemaßnahmen wieder viele echte Demokraten auf der Straße sehen werden. Die Demos von Fridays for Future werden ebenso wieder losgehen wie Demos gegen Rassismus und Antisemitismus und für die Demokratie. Das ist auch notwendig. Denn neben dem ökologischen Klimawandel brauchen wir auch einen gesellschaftlichen Klimawandel. Dafür sollten wir uns engagieren – mit maximalem Abstand nach rechts.«

Heike Kleffner / Matthias Meisner (Hrsg.):
Fehlender Mindestabstand.
Die Coronakrise und die Netzwerke der Demokratiefeinde

Herder, 2021

Klappenbroschur, 352 Seiten

Preis: 22,00 Euro

ISBN: 978-3-451-39037-1


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