Parkplatzwache beobachtet die Szenerie während Voice of Anger Veranstaltung am 20. April, dem "Führergeburtstag" 2019, in Neonazi-Clubheim in Buxach-Hart.

»Hatespeech«-Razzia gegen Voice of Anger

Ende März kam es in mehreren Bundesländern zu einer Razzia gegen die neonazistische Skinheadkameradschaft Voice of Anger – wegen »Hatespeech«. Jetzt ist klar, wo die Polizei zugriff.

Beamte der Kriminalpolizeiinspektion Memmingen durchsuchten am Mittwoch, dem 23. März 2022, mehrere Objekte in den Landkreisen Unterallgäu, Günzburg und Memmingen sowie in Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen. Das geht aus einer Mitteilung der Polizei an die Presse vom darauffolgenden Freitag hervor. Hintergrund der Durchsuchung war demnach »die Verbreitung rechtsextremistischen Gedankenguts in einer Messengerdienst-Gruppe durch Mitglieder der Skinheadgruppierung Voice of Anger

Razzia bestätigt Recherchen zur Expansion nach Westfalen

Als am 9. Oktober 2021 rund 500 Neonazis in Dortmund zu Ehren des verstorbenen »SS-Siggi« Borchardt aufmarschieren, sind unter den Teilnehmenden auch Anhänger von Voice of Anger aus dem Allgäu - und aus Westfalen.
Als am 9. Oktober 2021 rund 500 Neonazis in Dortmund zu Ehren des verstorbenen »SS-Siggi« Borchardt aufmarschieren, sind unter den Teilnehmenden auch Anhänger von Voice of Anger aus dem Allgäu – und aus Westfalen.

Die Ermittlungen führten zu insgesamt sieben männlichen Tatverdächtigen im Alter von 28 bis 46 Jahren.  Ziel der Razzia war unter anderem auch das Clubhaus von Voice of Anger in einer Kleingartenanlage in Buxach-Hart bei Memmingen sowie die privaten Räume des Bauunternehmers Boris Gehrig, der dieses vor einigen Jahren für die Gruppe erwarb. Weitere vier Tatverdächtige traf es in der Region, die Räumlichkeiten von Oldschool Records waren laut Staatsanwaltschaft Memmingen nicht betroffen. Die Durchsuchung gegen einen Beschuldigten aus Württemberg fand im Bereich Kißlegg statt, wie die Staatsanwaltschaft Ravensburg auf Anfrage erklärte.

In Westfalen traf es erwartungsgemäß einen Anhänger von Voice of Anger aus Hamm. Das bestätigt die für dieses Verfahren zuständige Staatsanwaltschaft Dortmund. Auch hier werde »wegen des Verdachts des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger und terroristischer Organisationen, § 86a StGB, ermittelt.« Damit bestätigen die Behörden erstmals implizit die Expansion von Voice of Anger nach Westfalen, über die Allgäu rechtsaußen bereits im Oktober vergangenen Jahres berichtete.

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Geringe Ausbeute im militanten Nazi-Milieu

Bei Voice of Anger geht es auch um antisemitische Gewalt. Das zeigt Material aus Akten der Polizei, das Allgäu ⇏ rechtsaußen bereits Anfang vergangenen Jahres veröffentlichte.
Bei Voice of Anger geht es auch um antisemitische Gewalt. Das zeigt Material aus Akten der Polizei, das Allgäu ⇏ rechtsaußen bereits Anfang 2019 veröffentlichte.

Obzwar es sich bei Voice of Anger um die größte Gruppierung ihrer Art in Süddeutschland handelt, die mit besten internationalen Kontakten ins militante Neonazimilieu glänzt, seine Wurzeln in gewalttätigen und teils verbotenen rechtsradikalen Skinheadgruppen der 90er Jahre hat und auch mal mit Waffen hantiert, geht es in diesem Verfahren nur »um das Posten von ›Memes‹ bzw. ›Stickern‹ mit nationalsozialistischen Inhalten«, präzisiert die Staatsanwaltschaft Memmingen die Vorwürfe auf Anfrage von Allgäu rechtsaußen. Dabei gehe es »im Wesentlichen um den Straftatbestand des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen, wobei den fünf Beschuldigten, gegen die Ermittlungsverfahren bei der Staatsanwaltschaft Memmingen anhängig sind, derzeit zwischen einer und drei strafbare Handlungen, d.h. Postings, vorgeworfen werden.«

Trotz des Hintergrunds der Gruppe konnten die Ermittler*innen lediglich einiger Mobiiltelefone, digitaler Datenträger sowie geringer Mengen Cannabis und einem verbotenen Messer habhaft werden. Zudem war einer der Beschuldigten im Besitz eines gefälschten Impfpasses und eines Blankodokuments, welche ebenfalls sichergestellt wurden.

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Hatespeech-Razzia führt zu Hatespeech-Razzia

Parkplatzwache beobachtet die Szenerie während Voice of Anger Veranstaltung am 20. April, dem "Führergeburtstag" 2019, in Neonazi-Clubheim in Buxach-Hart.
Parkplatzwache beobachtet die Szenerie während Voice of Anger Veranstaltung am 20. April, dem „Führergeburtstag“ 2019, in Neonazi-Clubheim in Buxach-Hart.

In der fraglichen Messenger-Gruppe hätten sich knapp 60 Personen befunden. Das ist exakt die Zahl, die der Verfassungsschutz als Anzahl der Mitglieder von Voice of Anger angibt. Dazu, ob sämtliche Mitglieder der Gruppe auch zu Voice of Anger gehören, liegen der Staatsanwaltschaft allerdings (noch) keine Erkenntnisse vor, wie diese einräumt.

Im Rahmen der Auswertung eines Mobiltelefons, welches Ermittler*innen in einem anderweitigen Verfahren sichergestellt hatten, stellten Beamte des Kommissariats Staatsschutz der Kripo Memmingen fest, dass von mehreren Personen rechtsradikales Gedankengut in einer Gruppe eines Messengerdienstes verbreitet worden war. Auch im vorhergehenden Ermittlungsverfahren ging es um das Posten von nationalsozialistischen Inhalten in einer Messenger-Dienst-Gruppe, präzisiert die Staatsanwaltschaft Memmingen auf Anfrage von Allgäu rechtsaußen.

Neonazi-Skins dürfen 20-jähriges Jubiläum feiern

Trotz Verbot nicht tot? Strukturelle und personelle Kontinuitäten verbinden Voice of Anger mit der durch massive Gewalttaten aufgefallenen Allgäuer Skinheadszene der 90er Jahre. (Photo: EXIF)
Trotz Verbot nicht tot? Strukturelle und personelle Kontinuitäten verbinden Voice of Anger mit der durch massive Gewalttaten aufgefallenen Allgäuer Skinheadszene der 90er Jahre. (Photo: EXIF)

Voice of Anger ist die größte noch aktive neonazistische Skinhead-Kameradschaft im Süden von Deutschland und bis zur Expansion hauptsächlich im Allgäu aktiv. Im Vorpandemiejahr machten sie das Allgäu als Konzertveranstalter zum bayerischen Hotspot dieser Events, als rund die Hälfte aller bayerischen Konzerte von ihnen ausgerichtet wurde. Dieses Jahr dürfen die Neonazis ihr 20-jähriges Jubiläum feiern. In dieser Zeit ist es Voice of Anger gelungen, sich weitgehend unbehelligt von staatlicher Repression und öffentlicher Aufmerksamkeit zu professionalisieren und ihre Vernetzung in die internationale militante Szene auszubauen. Ihre Wurzeln liegen in der gewalttätigen Skinhead-Szene und teilweise verbotenen Strukturen der 90er Jahre.

Doch obwohl sich das Extremismus- und Terrorismusabwehrzentrum des Bundes (GETZ) in den vergangenen Jahren mehrfach mit Voice of Anger beschäftigte, liegen den Behörden an entscheidenden Stellen kaum Informationen über die Allgäuer Neonazi-Kameradschaft vor. Seit Jahren berichten Antifaschist*innen und Fachjournalist*innen über beste internationale Verbindungen von Voice of Anger in das militante und terroristische Milieu von Blood&Honour, Combat 18 und den Hammerskins. Aber: »Der Bundesregierung liegen hierzu keine Erkenntnisse vor«, schreibt diese 2018 in einer Antwort auf eine Kleine Anfrage der FDP (Drs. 19/4188). Solange sich die Sicherheitsbehörden jedoch in ihrem Durchgreifen auf »Hatespeech« beschränken, dürfte sich daran auch nicht viel ändern.

Mehr zu diesem Thema:  Livestream: 20 Jahre Voice of Anger im Gespräch bei Allgäu rechtsaußen

Hilfe: Du hast selbst einen Übergriff erlebt?

Dann kannst du Hilfe bei B.U.D. Bayern bekommen. Das ist eine unabhängige Beratungsstelle für Betroffene von rechten, rassistischen und antisemitischen Übergriffen.

Zeug_innen können sich an B.U.D. Bayern wenden, dann wird der Vorfall registriert und Betroffenen geholfen – wenn sie das wollen.

Eltern, Angehörige und Freunde von Jugendlichen, die sich rechts orientieren, können Hilfe bei der Elternberatung bekommen.

Und wenn du selbst etwas gegen Rechts unternehmen willst, steht dir die Mobile Beratung zur Seite.

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