Auf Alu-Hüten prangte in Kempten die Behauptung einer »Corona-Lüge«, bei der es »nur um Angst und Zwangsimpfung« gehe.

Pseudowissenschaft bestärkt Querdenken-Narrativ

Lokale Mediziner_innen und Apotheker_innen unterzeichnen einen Offenen Brief gegen die Corona-Impfung. Das Problem: Einige bereits widerlegte Argumente stammen aus der Querdenken-Szene. Durch ihren Status erwecken sie den Eindruck das Schreiben sei seriös, doch viele von ihnen sind Anhänger_innen der Anthroposophie.

Der Twitterkanal SchwurbelWatch beobachtet und berichtet nach eigenen Angaben aus der Verschwörungs-, »Schwurbel«- und Esoterikszene. Vor Kurzem wurde dort untersucht, welche »Ärzte, Apotheker und Wissenschaftler« einen offenen Brief bezüglich der Impfung gegen SARS-CoV-2 unterzeichnet haben. Grund dafür ist, dass ein scheinbar nicht unerheblicher Teil der Unterzeichner_innen Pseudowissenschaften anhängt oder erklärte Impfgegner_innen sind.

Neben Rolf Kron, dessen Praxis aufgrund der Ermittlungen gegen ihn vor Kurzem durchsucht wurde, und der Homöopathin Dr. Carola Javid-Kistel, bei der es aus ähnlichen Gründen eine Razzia gab, haben auch Mediziner_innen und Apotheker_innen aus der Region unterschrieben. Das hat Allgäu ⇏ rechtsaußen zum Anlass genommen, das Wirken einiger davon zu beleuchten.

Die Ärzt_innen, Apotheker_innen und Wissenschaftler_innen sollen den Eindruck erwecken, das Schreiben sei seriös und nicht von Verchwörungsideolog_innen getrieben. Eine ganz ähnliche Strategie versuchten bereits Querdenker_innen, die in einem Online-Video als »besorgte Unternehmer_innen« auftraten. Das Video teilte der Unterallgäuer Landrat Alex Eder – und handelte sich so eine Distanzierung seiner eigenen Partei ein. Unabhängig von seiner Haltung zu den verschwörungsideologischen Tönen im Video hat Eder diesen durch sein Verhalten zusätzliche öffentliche Aufmerksamkeit und durch seine Position eine gewisse Legitimität verschafft.

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Wundermittelchen und Verschwörungsglaube

Die Unterzeichnerin und Ravensburger Ärztin Dr. Gabriele Röttgers gibt auf ihrer Webseite als Schwerpunkt unter anderem »anthroposophische Medizin« an. Schon die Grundannahmen, der von Rudolf Steiner begründeten Pseudowissenschaft, entbehren jeglicher evidenzbasierter wissenschaftlichen Grundlage. In einem Bericht der Stuttgarter Nachrichten heißt es dazu: »Die Indikation anthroposophischer Präparate und Inhaltsstoffe sei naturwissenschaftlich nicht belegt und rational nicht nachvollziehbar, kritisiert die Deutsche Gesellschaft für Pharmakologie und Toxikologie. Zudem fehle oft der Wirksamkeitsnachweis.«

Wie gefährlich es ist, wenn Pseudowissenschaften, wie die anthroposophische Medizin, durch ein abgeschlossenes Medizinstudium legitimiert werden, zeigt die auch von Röttgers angebotene »Misteltherapie«. »Nachdem es in Frankreich zu Todesfällen mit den ›alternativen‹ Krebsmitteln kam, wurde behandelnden Ärzten Berufsverbot erteilt«, schreibt Oliver Rautenberg in einem Text zu Mistelpräparaten. Auf seinem Blog beschäftigt er sich mit dem »okkult-magische[n] Weltbild der Anthroposophie«.

»Die wenigen Studien, die eine sehr gute Methodik aufweisen können, belegen keine Auswirkungen der Misteltherapie«, erklärte Prof. Dr. Jutta Hübner, Co-Autorin der systematischen Übersichtsarbeit »Mistletoe in oncological treatment: a systematic review«, im Gespräch. Die Anthroposoph_innen seien aber gut aufgestellt und würden sehr energisch reagieren, wenn man ihre Methoden und Therapien in Frage stellt. Als Mitglied im Münsteraner Kreis und Leiterin des Informationsnetzwerks Homöopathie setzt Prof. Dr. Hüber sich für eine evidenzbasierte Medizin ein und möchte sachlich und kritisch aufklären. Eine aktuelle Studie zur Gesundheitskompetenz der deutschen Bevölkerung zeigt, wie wichtig ihr Anliegen ist. 64,2 Prozent haben eine geringe Gesundheitskompetenz. Darunter wird »das Wissen, die Motivation und die Fähigkeit verstanden, gesundheitsrelevante Informationen finden, verstehen, beurteilen und anwenden zu können, um die eigene Gesundheit zu erhalten, sich bei Krankheiten die nötige Unterstützung zu sichern und die dazu nötigen Entscheidungen zu treffen.«

Trotz mehrfacher Nachfrage hat die Bundesärztekammer bis zum Erscheinen dieses Artikels nicht deutlich gemacht, ob sie beabsichtigt eine Stellungnahme zum offenen Brief abzugeben.

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Eine weitere Unterzeichnerin ist Barbara Massag. Sie betreibt die See-Apotheke in Bodolz. Auch ihr Mann Christoph Massag ist dort tätig. Beide sind im Umfeld von Querdenken 8382 – Lindau aufgefallen, Christoph Massag ist als Redner in Lindau und Lindenberg aufgetreten. Auf ihrer Internetseite ist die Rede von »anthroposophisch erweiterter Heilkunst«, auf dem apothekeneigenen Twitterkanal stellt sie sich als »naturheilkundliche Apotheke mit anthroposophischem Schwerpunkt« dar. Dort werden anthroposophische Propaganda, Beiträge des Verschwörungsideologen Daniele Ganser und einschlägige Inhalte aus der Querdenken-Bewegung verbreitet.

Auch unterzeichnet hat Dr. Christfried Preußler. Er ist Mitglied in der Gesellschaft Anthroposophischer Ärzte in Deutschland (GAÄD) und mehrfach als Redner bei Veranstaltungen der Gruppe Demokratischer Widerstand Überlingen aufgetreten. Die Demokratischer Widerstand-Gruppen können als Ursprung der vom Landesverfassungsschutz in Baden-Württemberg beobachteten Querdenken-Bewegung gesehen werden.
Als Teil der »Helixor Family« wirbt Preußler in Vorträgen zur Anwendung der von der Helixor Heilmittel GmbH angebotenen Mistelpräparate. Mehrfach trat er als Leiter der Medizinische Beratung der Helixor Heilmittel GmbH in Erscheinung. Helixor ist eine der treibenden Kräfte hinter dem Versuch, eine Legitimierung der Misteltherapie auch durch von anthroposophischen Organisationen mit-/finanzierte Studien zu erreichen. Im Artikel »Das vermeintliche Mistel-Wunder – Der Masterplan der Anthroposophie« beleuchtet der Journalist Christian Honey diese Vorgänge.

Ebenfalls bei einer Veranstaltung der Gruppe Demokratischer Widerstand Überlingen in Salem als Rednerin aufgetreten ist Karin Kollmann. Als Ärztin im Ruhestand unterstützt sie den offenen Brief. Sie ist außerdem Teil der anthroposophischen Christengemeinschaft. Im Gemeinde-Newsletter erläutert sie ihre Gedanken über Ansteckung: Sie kenne niemanden, der an Corona erkrankt sei und auch niemanden der eine erkrankte Person kenne. Weiter schreibt sie dort: »Bei genauerem Hinschauen ergeben sich für mich Widersprüche über Widersprüche. Die Situation erinnert an den 11. September 2001. Damals waren es die Terroristen, jetzt sind es die Viren.« Die Vermutung liegt nahe, dass sie der auch in Querdenken-Kreisen oft vertretenen Ansicht ist, der Anschlag auf das World Trade Center sei inszeniert gewesen. Ebenso wie es die Verschwörungsideolog_innen über die Corona-Pandemie behaupten.


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Zeug_innen können sich an B.U.D. Bayern wenden, dann wird der Vorfall registriert und Betroffenen geholfen – wenn sie das wollen.

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2 Gedanken zu „Pseudowissenschaft bestärkt Querdenken-Narrativ“

  1. Eure Dokumentation und Analyse rechtsradikaler Umtriebe hab ich in der Vergangenheit sehr geschätzt. Was die Redakteurin hier abliefert hat damit nur noch sehr wenig bis nichts zu tun. Im Artikel geht es um Kritik an anthroposophischen Ideen. Diese ist verkürzt und einseitig, was für sich genommen schon schlimm genug wäre. Aber auf einer Seite, die über Rechtsradikale aufklären will, ist sie noch dazu meilenweit am Thema vorbei. Konzentriert euch doch bitte wieder aufs wesentliche und kommt von eurem verstiegenen Feldzug gegen jegliche Gegner der Coronamaßnahmen runter. Sonst wird damit am Ende eure Glaubwürdigkeit und auch eure sonst so wichtige Arbeit beschädigt.

    1. Wir führen hier keinen »Feldzug gegen jegliche Gegner der Coronamaßnahmen«, sondern machen unseren Job: Recherchieren und Aufklären über die rechtsradikalen Umtriebe und offenen Flanken innerhalb dieser Bewegung. Das selbe gilt für die Anthroposophie, die mit der extremen Rechten zumindest einige ideologische und personelle Schnittmengen aufweist. Siehe etwa https://allgaeu-rechtsaussen.de/2020/06/12/rudolf-steiners-langer-schatten/ Insofern ist auch das unser Thema: Wir gucken eben da besonders genau hin, wo der erste Blick täuschen könnte.

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