Gegen den »organisierten Antifeminismus« von ALfA und Co demonstrierten Feministinnen und Feministen bereits am 27. Juli 2019 in Augsburg.

Der »Kulturkampf« der »Lebensschützer« in Memmingen

Am kommenden Dienstag tagen die Mitglieder von Aktion Lebensrecht für Alle (ALfA e.V.) im Café Brommler in Memmingen. Ein Bündnis protestiert dagegen »FÜR das Recht auf körperliche Selbstbestimmung und die Entscheidungsfreiheit aller schwangeren Personen«. Das sind ihre Gründe.

Für Dienstag, den 22. Oktober 2019 lädt die Aktion Lebensrecht für Alle (AlfA e.V.) ihre Anhänger zur Mitgliederversammlung mit Neuwahlen der Vorstandschaft nach Memmingen ein. Das geht aus einer Einladung an Mitglieder vor, die Allgäu ⇏ rechtsaußen vorliegt. Für die Versammlung stellt Kassenführer Christian Brommler ab 20 Uhr sein Café Brommler zur Verfügung.

Ab 19 Uhr allerdings ruft ein Bündnis zur Kundgebung unter dem Motto »my body my choice« auf. Sie wollen »FÜR das Recht auf körperliche Selbstbestimmung und die Entscheidungsfreiheit aller schwangeren Personen« demonstrieren. Am vorhergehenden Freitag, dem 18. Oktober, soll ein Vortrag der Antisexistischen Aktion München  (ASM) ab 19 Uhr im Cafe Konnex erklären, warum AlfA Teil eines organisierten antifeministischen Netzwerks ist, das bis ins Allgäu reicht.

Wir haben die ASM um ein kurzes Statement zu ihrer Motivation gegen AlfA zu demonstrieren gefragt – und einen ganzen Kommentar erhalten, den wir hiermit als Gastkommentar veröffentlichen.

Antifeminismus fängt im Kleinen an

Gastkommentar einer Feministin. Von Maxi Dahm.

Der Anschlag in Halle, bei dem ein rechter Attentäter zwei Menschen erschießt und mehrere teils schwer verletzt, hat uns tief getroffen. Der Täter filmt die Tat mit einer Kamera, die an seinem Helm befestigt ist. In diese Kamera sagt er gleich zu Beginn der Aufzeichnung, dass »der Feminismus« Grund für sinkende Geburtenraten im Westen sei und diese wiederum zu vermeintlicher Massenmigration führen würden. Verantwortlich dafür seien Jüdinnen und Juden. Er ist nicht der erste rechte Attentäter der diese verschwörungstheoretischen Narrative miteinander verbindet und zum Mörder wurde.

In diesem lesenswerten Interview nehmen Eike Sanders und Judith Götz Bezug auf den Anschlag und dröseln auf, wie männliche Gewalt zu tödlicher Gewalt werden kann. Und sie benennen das Problem: Männer und gewisse Ausformungen von Männlichkeit. Denn zentrales verbindendes Element der Terroranschläge von Christchurch, El Paso und nun Halle ist, dass die Gewalt in einem Zusammenhang mit Geschlecht steht. Die Täter haben Verschwörungstheorien bei denen Antisemitismus, Rassismus und Frauenhass Hand in Hand gehen. Die Gesellschaft werde einerseits von außen durch Migration bedroht, andererseits durch Feminismus von innen. Gegen diesen imaginierten Untergang müsse der Mann sich zur Wehr setzen. Diese Narrative sprechen in erster Linie Männer an, denen in unserer patriarchalen Gesellschaft die Rolle der Beschützer zugesprochen wird und die aus diesem nicht vorhandenen Bedrohungsszenario ein aktivierendes Moment ableiten.

Doch »Männlichkeit wird nicht erst zum Problem, wenn sie diese Brutalität annimmt. Männliche Gewalt fängt viel früher an«, sagt Götz. Sie beginnt bereits im Kleinen und die Ursprünge liegen in der Grundstruktur unserer patriarchalen Gesellschaft. »Antifeminismus ist eine Ideologie, die tief darin verankert ist«, so Sanders. Vertreter*innen dieser Ideologie arbeiten beispielsweise gegen die Beseitigung von Sexismus, kämpfen gegen Gleichberechtigungsmaßnahmen oder wollen sexuelle und reproduktive Rechte weiter einschränken.

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Die Lebensschutz-Bewegung ist Teil des organisierten Antifeminismus

Gegen den »organisierten Antifeminismus« von ALfA und Co demonstrierten Feministinnen und Feministen bereits am 27. Juli 2019 in Augsburg.
Gegen den »organisierten Antifeminismus« von ALfA und Co demonstrierten Feministinnen und Feministen bereits am 27. Juli 2019 in Augsburg.

Die selbst ernannte »Lebensschutz«-Szene ist Teil dieses organisierten Antifeminismus. Die Bewegung hat es sich zur Aufgabe gemacht, das menschliche Leben von Anfang bis Ende zu schützen. Für sie beginnt das Leben bereits mit der Verschmelzung von Eizelle und Spermium was zur Folge hat, dass sie Abtreibungen ablehnen und auf verschiedenen Wegen versuchen, den Zugang dazu zu erschweren beziehungsweise zu verunmöglichen. Der Kampf gegen Abtreibungen ist das Hauptaktionsfeld der »Lebensschützer*innen«, sie positionieren sich aber unter anderem auch gegen die Ehe für alle oder Sterbehilfe.

Teil dieser Bewegung ist die Aktion Lebensrecht für Alle (ALfA), einer der ältesten »Lebensschutz«-Vereine in Deutschland. Seit 1977 arbeitet der Verein mit verschiedenen Methoden daran, Schwangerschaftsabbrüche undenkbar und unmöglich zu machen. Sie betreiben eine »Beratungshotline«, machen Lobbyarbeit und organisieren Veranstaltungen und Kundgebungen.

Der 1988 gegründete Memminger Regionalverband der ALfA lud in der Vergangenheit immer wieder prominente Vertreter*innen der »Lebensschutz«-Szene ins Allgäu ein. So sprach 2015 Abby Johnson, ehemalige Planned Parenthood-Mitarbeiterin (Planned Parenthood ist das US-amerikanische Pendant zu pro familia) und Ikone der Pro Life Bewegung im voll besetzten Kaminwerk über ihre vermeintlichen Erlebnisse in einer Abtreibungsklinik. Im vergangenen Jahr kam Paul Cullen, Vorsitzender der Ärzte für das Leben, auf Einladung des Regionalverbandes in die Memminger Stadthalle. Vor rund 400 Gästen sprach er dort über bioethische Themen, ein weiteres Feld, das die Lebensschutz-Bewegung in Teilen durchaus erfolgreich besetzt hat. Vertreter*innen des Regionalverbandes waren zudem unter den Teilnehmer*innen bei Protesten gegen das medicare Zentrum in München Freiham, in dem Schwangerschaftsabbrüche vorgenommen werden können.

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Nach außen geben sich die selbst ernannten »Lebensschützer*innen« der ALfA gerne pluralistisch. Sie treten stets freundlich und offen auf. Vermeintlich stellen sie die Frau in den Mittelpunkt und geben vor, sich um ihr körperliches und seelisches Wohlbefinden zu sorgen. Hakt man genauer nach, merkt man schnell, dass es ihnen einzig und allein um den Fötus geht, der in jedem Fall ausgetragen werden muss. Die schwangere Person hat für sie keine Entscheidungsfreiheit über den eigenen Körper.

Pro Choice, wofür wir in Memmingen während der AlfA-Versammlung demonstrieren wollen, bedeutet nicht pro Abtreibung! Doch die Welt in der Schwangerschaftsabbrüche nicht mehr vorkommen, gibt es nicht. Abtreibungen hat es schon immer gegeben und wird es immer geben. Darum kämpfen wir dafür, dass ungewollt Schwangere eine Entscheidung treffen können, ohne von radikalen Fundamentalist*innen unter Druck gesetzt, von der Gesellschaft stigmatisiert oder vom Staat kriminalisiert zu werden.

Die aktuellen Geschehnisse zeigen wie wichtig es ist gegen die vermeintlich kleinen Dinge auf die Straße zu gehen und Stellung zu beziehen gegen Rassismus, Antisemitismus und Antifeminismus. Darum zeigt den selbst ernannten »Lebensschützer*innen« am 22. Oktober in Memmingen, dass ihre antifeministischen Positionen nicht unwidersprochen bleiben!


Hilfe: Du hast selbst einen Übergriff erlebt?

Dann kannst du Hilfe bei B.U.D. Bayern bekommen. Das ist eine unabhängige Beratungsstelle für Betroffene von rechten, rassistischen und antisemitischen Übergriffen.

Zeug_innen können sich an B.U.D. Bayern wenden, dann wird der Vorfall registriert und Betroffenen geholfen – wenn sie das wollen.

Eltern, Angehörige und Freunde von Jugendlichen, die sich rechts orientieren, können Hilfe bei der Elternberatung bekommen.

Und wenn du selbst etwas gegen Rechts unternehmen willst, steht dir die Mobile Beratung zur Seite.

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