Kaufbeurer applaudieren Verschwörungsmythen und Umsturzphantasien

Querdenker verbreiten in Kaufbeuren »alternative Sichtweisen« über Pandemie und Impfung, antisemitische Verschwörungsmythen und einen Putschaufruf an die Polizei. Bis zu 180 Fans applaudieren.

Bis zu 180 Teilnehmende folgten nach Zählung der Polizei am Samstag einem Aufruf von Querdenken 8341 in die Kaufbeurer Innenstadt. Angemeldet war die Versammlung laut Polizei als »Kundgebung für körperliche Unversehrtheit« mit einem anschließenden Demonstrationszug durch die Stadt. Dieser ist allerdings kurzfristig abgesagt worden. Angeblich, weil es zu kalt war. Schließlich fanden sechs Redebeiträge vor dem Kaufbeurer Rathaus statt, wo Ende Oktober bereits Oberbürgermeister Bosse vor einer Querdenken-Versammlung sprach. Alle quittierte das Publikum mit Applaus.

Antisemitisch konnotierter Verschwörungsglauben aus »alternativen Medien«

Zunächst erklärte der Gablonzer Bäckermeister Rudolf Posselt, er informiere sich viel über »alternative Medien« statt über »Mainstream Medien«. Daher habe er eine »andere Sichtweise«. Etwa: »Wir werden nicht von unseren Politikern regiert, sondern von globalen Großkonzernen und der Hochfinanz«, formulierte er einen in »alternativen« und rechten Kreisen weit verbreiteten Verschwörungsglauben, der meist antisemitisch konnotiert ist. So war der Begriff der »Hochfinanz« zentral für die antisemitische NS-Propaganda. Bis heute gilt er als Schlüsselbegriff der Rechtsradikalen Szene – er bietet einen »sanften« Einstieg in antisemitische Vorstellungen.

»Wer das Glück hat sich mit diesem Virus anzustecken, hat sogar eine eher höhere als niedrigere Lebenserwartung«, behauptet Posselt. Nicht das Virus sei für die vielen Toten verantwortlich, »sondern die falschen Therapien und die Lockdown-Maßnahmen«, so Posselts »andere Sichtweise«.

»Pharmalobby«, »gentechnische Menschenexperimente« und Bill Gates

Ähnlich äußert sich der langjährige Impfgegner Rolf Kron. Für ihn ist es eine »Pharmalobby«, die »uns glauben macht, wir sind von Viren bedroht«, wie er am Samstag in Kaufbeuren sagte. Als erstes sollten wegen deren Pflegekosten »die Alten« als »Versuchskaninchen« dienen. Darauf gab der Kauferinger Arzt regelrechte Horrorgeschichten über die Impfungen zum Besten. Wir hätten es »mit Genversuchen zu tun, die wir an Menschen machen«, behauptet Kron. Damit will Kron offenbar die bei Querdenken beliebte Mär einer Erbgutverändernden Wirkung von mRNA-Impfstoffen weiter verbreiten. Und das alles, weil Bill Gates davon profitiere, glaubt Kron.

Es sei »besser wenn ich etwas in der Hand habe, weil nachher passiert mir noch ein Malheur mit irgendwelchen Zeichen«, spielt Kron zudem auf einen Vorfall in Lindau an, als er als Redner den Hitlergruß zeigte und den Nationalsozialismus relativierte.  Unter anderem deswegen und wegen falscher von ihm ausgestellter Atteste ermittelt die Polizei gegen den Kauferinger Arzt. Die Teilnehmenden der Versammlung am Samstag rief Kron auf, bei Polizeikontrollen keine Atteste vorzuzeigen, die von der Maskenpflicht befreien sollen. Denn deren Fälschung sei eine Straftat, das nicht Vorzeigen nur eine Ordnungswidrigkeit. Elf solcher Verfahren leitete die Polizei am Samstag ein.

Auch Julian Aicher behauptet in der nächsten Rede ein »gentechnisches Menschenexperiment« – und dass er noch keine Rechtsradikalen auf den Querdenken-Versammlungen gesehen habe, dort seien »alles Demokraten«.

Umsturzphantasien zwischen »Zentralkomitee« und »Kriegsrecht«

Karl Hilz gibt in Kaufbeuren ebenfalls eine »andere Sichtweise« zum Besten. Der ehemalige Polizist begreift die Durchsetzung der Maskenpflicht durch die Polizei als »Körperverletzung im Amt«. Die »größte Katastrophe« für Deutschland sei laut Hinz »das Zentralkomitee« aus Bundeskanzlerin Angela Merkel und den 16 Ministerpräsidenten der Länder, das aus der DDR kopiert worden sei. Die nächtliche Ausgangssperre »ist Kriegsrecht«, behauptet Hilz, um ein hartes Vorgehen gegen Politiker_innen zu fordern: Wer Kriegsrecht gegen die eigene Bevölkerung einsetze, sei »ein Kriegsverbrecher« und gehöre »vor den internationalen Gerichtshof für Kriegsverbrecher. Und dorthin werden wir die Verantwortlichen dieses unsäglichen Lockdowns auch bringen.«

Seine ehemaligen Kolleg_innen der Polizei spricht Hilz direkt an: Sie sollten in den Krankenhäusern und Friedhöfen nachsehen, ob es da mehr Kranke und Tote gäbe als in den Letzten Jahren. Sie würden nur benutzt »wie in der schlimmsten Diktatur«. Doch sie seien in der Lage, »den durchgeknallten Politikern« zu zeigen, dass sie »für Sicherheit und Ordnung« sorgen könnten, ohne deren Befehle anzunehmen. Der Virologe Christian Drosten sei ein »Rad in der organisierten Kriminalität«. Staatsanwaltschaft und Polizei sollten den »Spitzenverbrecher möglichst bald aus dem Verkehr ziehen«, so Hilz. Bereits im November forderte Hilz in Kempten die Polizei auf, Politiker_innen aus ihren Büros zu holen, einzusperren und den Staat zu stürzen.


Hilfe: Du hast selbst einen Übergriff erlebt?

Dann kannst du Hilfe bei B.U.D. Bayern bekommen. Das ist eine unabhängige Beratungsstelle für Betroffene von rechten, rassistischen und antisemitischen Übergriffen.

Zeug_innen können sich an B.U.D. Bayern wenden, dann wird der Vorfall registriert und Betroffenen geholfen – wenn sie das wollen.

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5 Gedanken zu „Kaufbeurer applaudieren Verschwörungsmythen und Umsturzphantasien“

  1. Hallo Herr Lipp,
    sicherlich sind 180 Leute nicht wenige; besser wäre allerdings eine Formulierung „bis 180 Leute“. Die blieben nämlich nicht alle die ganze Zeit. Wenn man bedenkt, mit welchem Aufwand man diese Zahl an Menschen zusammen bringt, wirkt das Ganze doch recht kleinlich. Kaufbeuren hat immerhin 43000 Einwohner.
    Da wir in der Kaiser-Max-Straße wohnen, können wir auch immer wieder die Montagsdemonstration verfolgen. Da kommen in der Regel nicht mehr als rund 35 Personen zusammen. Und davon sollte man noch die Kinder wegrechnen.

      1. Das tut mir jetzt leid. Hab´ ich total überlesen. Das sollte nicht passieren.
        Sie haben natürlich recht.
        Herzliche Grüße und Danke für Ihre Arbeit
        H.J. Tausend

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