Aufmarsch der Partei »Der III. Weg« am 1. Mai 2016 in Plauen. Später liefern sich die Neonazis gewalttätige Auseinandersetzungen mit der Polizei. ©S. Lipp

Illerkirchberg: Neonazis instrumentalisieren Mord für rassistische Hetze

Nach dem tödlichen Messerangriff auf zwei junge Mädchen am Montag in Illerkirchberg könnte es zu einer Schulterschluss rechtsradikaler Lager kommen. Am Samstag will die AfD und am Montag die Neonazipartei Der Dritte Weg in der Gemeinde aufmarschieren.

Mehr als 1.000 Menschen hatten sich am Mittwochnachmittag anlässlich der Beerdigung einer 14-Jährigen auf dem kleinen Friedhof in Illerkirchberg versammelt, um ihren Tod zu betrauern. Bereits am Dienstagnachmittag fand eine große Beileidsbekundung innerhalb der alevitischen Gemeinde in Ulm statt, der die junge Schülerin angehörte.

Eine ganz andere Art des Umgangs mit dieser schrecklichen Tat legt die extreme Rechte an den Tag. Sie instrumentalisiert den Angriff für ihre rassistische Hetze. Denn: Die 14-Jährige ist am Montag mutmaßlich von einem 27-jährigen Mann aus Eritrea auf ihrem Schulweg mit einem Messer angegriffen worden. Sie erlag später seinen Verletzungen. Eine Freundin der Getöteten überlebte die Tat mit schweren Verletzungen.

Rechtsradikaler Schulterschluss in Illerkirchberg?

In Illerkirchberg könnte es zu einem Schulterschluss der verschiedenen Lager der extremen Rechten in der Region kommen. So plant die AfD am Samstag eine Kundgebung in Illerkirchberg, während die Neonazipartei Der Dritte Weg am Montag dort aufmarschieren will. Behördenintern ist die Rede von 300 bis 400 Personen, die von der AfD erwartet werden, bis zu 500 sollen es beim Dritten Weg sein. Bis Freitagmittag war die zuständige Versammlungsbehörde allerdings nicht für eine Bestätigung dieser recht hohen Zahlen erreichbar. Am Nachmittag korrigiert die Behörde, es seien nur fünf bis zehn Personen vom Dritten Weg angemeldet.

Bereits am Montagabend – unmittelbar nach der Tat – gab es vor Ort ein Gedenken, zu dem auch der Querdenken-Ableger Klardenken Schwaben aufrief. Unter den Teilnehmenden befanden sich dann auch Anhänger*innen von NPD und der Neonazi-Kameradschaft Voice of Anger. Am Dienstag war die Identitäre Bewegung vor Ort und forderte mit einem Banner vor dem Rathaus die Schließung der Asylsuchendenunterkunft, »Remigration« sowie: »Bevölkerungsaustausch stoppen«. Letzteres bezieht sich auf einen unter Rechten aller Couleur beliebten Verschwörungsmythos, nachdem Migrant*innen die Bevölkerung Deutschlands verdrängen und ersetzen sollen. Erst vor zwei Wochen kündigte die AfD in Markt Waal auf einer Anti-Asyl-Kundgebung, zu der es auch zu einem Hitlergruß kam, eine Kampagne gegen Asylsuchende an.

Mehr zu diesem Thema:  Hitlergruß bei Anti-Asyl-Kundgebung der AfD

Hetze statt Anteilnahme

»In Anteilnahme für die Mädchen von Illerkirchberg« heißt es auf einem Flyer der örtlichen AfD für Samstag um 10 Uhr, der im Internet kursiert. Tatsächlich geht es der AfD aber offenbar nicht um die verletzten Schüler*innen. Das Posting des AfD Kreisverband Ulm / Alb-Donau ist das einzige, das sich nur auf die Betroffenen bezieht. In einer Vielzahl von Postings dagegen geht es seit Montag vor allem um den mutmaßlichen Täter – und dessen Herkunft. Unmittelbar auf die Tat, noch bevor Details bekannt wurden, schrieb der Kreisverband: »Manche halten den Großraum Ulm noch immer für beschaulich und sicher. Davon kann längst keine Rede mehr sein.« In Kommentaren forderten dessen Anhänger*innen: »Nationalität der Täter bitte«.

Wenige Stunden später betonte der Kreisverband, dass der Täter in einer Asylsuchendenunterkunft festgenommen wurde und kurz darauf geht es um »illegale und kriminelle Zuwanderer«, die »konsequent abgeschoben« werden müssten. Schuld an der Tat sei eine »hypermoralische Ideologie« und die Politik: »Die wahren Täter sitzen in der Bundesregierung!« In unzähligen Kommentaren – soweit sie der Kreisverband freigegeben hat – fordern dessen Fans für Geflüchtete pauschal Abschiebungen, Verurteilungen von Politiker*innen und für den Täter »lebenslang Knast ohne Wasser und Nahrung«. Jemand anders raunt von »Umvolkung«, einer Variante der vermeintlichen Verschwörung zum Bevölkerungsaustausch.

»Bis wir uns wehren«

Schon am Montagnachmittag bringt der AfD-Landtagsabgeordnete und Memminger stellvertretende Kreisvorsitzende Christoph Maier den Mord mit einer Vergewaltigung aus 2019 in Verbindung, für die vier Männer aus dem Irak und Afghanistan verantwortlich waren. Darauf hetzt seine Schatzmeisterin: »stoppt die Einwanderung von Geisteskranken Messermördern, stoppt die Einwanderung aus archaischen Kulturen« und fordert die »sofortige Abschiebung« von »Ausländern«.

Unter einem weiteren Post Maiers, der sich selbst zynisch als »Remigrationspolitischer Sprecher« seiner Fraktion bezeichnet, über »kriminelle Ausländer« schreibt ein Nutzer, das Problem »der Deutschen« sei: »sie trauen sich nicht dagegen zu wären.« [sic!] Auch AfD-Bundestagsfraktionsfize Peter Felser betont noch am Montagabend die Herkunft des Täters. In den Kommentaren heißt es auch hier: »Die werden nichts ändern. Bis wir uns wehren.«

Mehr zu diesem Thema:  So schamlos hetzt Christoph Maier im Landtag

Hilfe: Du hast selbst einen Übergriff erlebt?

Dann kannst du Hilfe bei B.U.D. Bayern bekommen. Das ist eine unabhängige Beratungsstelle für Betroffene von rechten, rassistischen und antisemitischen Übergriffen.

Zeug_innen können sich an B.U.D. Bayern wenden, dann wird der Vorfall registriert und Betroffenen geholfen – wenn sie das wollen.

Eltern, Angehörige und Freunde von Jugendlichen, die sich rechts orientieren, können Hilfe bei der Elternberatung bekommen.

Und wenn du selbst etwas gegen Rechts unternehmen willst, steht dir die Mobile Beratung zur Seite.

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