»Volkstod« als rechte Paranoia

Vom »Lebensborn« der Nazis und ihren Vordenkern bis zur AfD, der Identitären Bewegung und modernen Rechtsterroristen: Für sie alle gehört die Paranoia vom »Volkstod» zum »Kernarsenal« ihrer biologistischen, antisemitischen, rassistischen, aber auch explizit und aggressiv antifeministischen Agitation.

»Die Angst vor dem Aussterben des Volkes und dem Untergang der ›Rasse‹, die Paranoia vom ›Volkstod‹, gehört seit jeher zum Kernarsenal völkischer Degenerations- und Untergangsszenarien und beschäftigt die extreme Rechte seit vielen Jahrzehnten, vielleicht schon seit weit über einem Jahrhundert. Auch wenn die Intensität der Kampagnen dabei variiert und die Motive und Elemente dabei unterschiedlich gewichtet werden, bleiben Grundtenor und -struktur gleich.« So lautet die zentrale Feststellung des jüngst »zur Kontinuität einer extrem rechten Paranoia« (Untertitel) im Ulmer Verlag Klemm+Oelschläger erschienenen Büchleins »Umvolkung« und »Volkstod«. Darin spüren die Politikwissenschaftler Gideon Botsch und Christoph Kupke der alten Angst »vor dem drohenden biologischen Exitus des Volkes (auch: ›Rassetod‹)« nach, die in der extremen Rechten – und darüber hinaus – bis heute verfängt.

Vom Lebensborn zu Sarrazin

Bereits deutlich vor 1933 sei das Volk nach der dominierenden Sicht akademischer bevölkerungspolitischer Diskussion rassistisch als »Lebenseinheit«, als »Abstammungs- und Schicksalsgemeinschaft zugleich« bestimmt worden. »›Volk‹ sei nach einer für die damalige Zeit exemplarische Definition »ein lebendiges Ganzes, das durchseelt ist von dem inneren Gesetz der in ihm vorwiegenden Rasse, die alle Geschlechter der Gegenwart, der Vergangenheit und Zukunft umfaßt.«

Auf diesem geistigen Unterbau habe dann Friedrich Burgdörfer 1932 »angefüllt mit Statistiken, angereichert mit einem Anmerkungsapparat wissenschaftlicher Literatur und zugleich im höchsten Maße suggestiv« ein Buch veröffentlicht, das das Narrativ vom »Volkstod« prägte. So sei er an den Vorbereitungen für das von den Nazis am 14. Juli 1933 erlassene »Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses« und letztlich an der Entwicklung der etwa vom Lebensborn getragenen Rassehygiene- und Volksgesundheitsideologie beteiligt gewesen.  Burgdörfers bevölkerungspolitische Argumentationsmuster wirken laut Botsch und Kopke »bis heute bewusst oder unbewusst in der demographischen Debatte fort«. Mit seinem Buch habe er »ein eigenes Sub-Genre« geschaffen, als dessen vorläufig letztes bekannteres Werk Thilo Sarrazins Streitschrift Deutschland schafft sich ab gelten könne.

»Umvolkung« und »Volkstod«: Prägend von rechtsterror bis rechtskonservativ

Befürchtet wird das Aussterben des deutschen Volkes durch sinkende Geburtenraten, Abtreibung, die Aufnahme von Asylsuchenden und Zuwanderung. Und dass diese »eng verwandten Wahnvorstellungen von ›Umvolkung‹ und ›Volkstod‹ tatsächlich sogar Menschen zum gewalttätigen Handeln motivieren können«, habe etwa der Rechtsterrorist Brenton Tarrant gezeigt, als er am 15. März 2019 in zwei Moscheen im neuseeländischen Christchurch 51 Menschen ermordete und weitere 50 verletzte, einige davon schwer. Die Idee des »Großen Austausches« war für den Attentäter offenbar derart prägend, dass er ihn als Titel seiner Rechtfertigungsschrift benutzte. Damit verwies er direkt auf einen Titel des französischen Schriftstellers Renaud Camus. Auf deutsch erschien das Werk 2016 unter dem Titel Revolte gegen den großen Austausch im Antaois-Verlag von Götz Kubitschek.

Der aus Ravensburg stammende rechtsradikale Aktivist begann seine Karriere als Verleger als er zusammen mit seinem Jugendfreund Peter Felser und Bernd Widmer den Kemptener Nischenfilmverlag wk&f gründete. Felser sitzt heute im Bundestag als Vizefraktionschef der AfD. Als Verleger ist Kubitscheck heute nicht nur Stichwortgeber der Rechtsaußenpartei sondern der Neuen Rechten insgesamt, insbesondere der Identitären Bewegung.

Mehr zu diesem Thema:  Peter Felser im Lebensbund

Darüber hinaus findet der Diskurs um einen angeblich durch politische und wirtschaftliche Eliten vorangetriebenen »Bevölkerungsaustausch« wie Botsch und Kopke zeigen, auch Anklag bei Reichsbürgern, in der NPD und etwa dem White-Power-Rechtsrock aus dem Umfeld militanter Neonazi-Gruppierungen wie Blood&Honour oder Voice of Anger. Sogar über dieses Spektrum hinaus, bis hin zu religiös und antifeministisch motivierten Abtreibungsgegner_innen oder in die Reihen der sächsischen CDU, hätten sich in den letzten fünf Jahren vereinzelt Wirkungen dieser brandgefährlichen Ansichten feststellen lassen, so die Politikwissenschaftler.

Gideon Botsch / Christoph Kopke: »Umvolkung» und »Volkstod«. Zur Kontinuität einer extrem rechten Paranoia. Klemm+Oehlschläger 2019, ISBN: 978-3-86281-148-9,Hardcover, ca. 46 Seiten, 10,00 Euro

Ein Gedanke zu „»Volkstod« als rechte Paranoia“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.