Mehr als 200 Menschen sind in Deutschland nach Zählung unabhängiger Stellen seit 1990 rechter Gewalt zum Opfer gefallen.

»Gemeinsam gegen rechten Terror«: Mahnwachen im Allgäu in Solidarität mit Hanau

»Gemeinsam gegen rechten Terror«: Am Freitag und Samstag wird auf diesen Mahnwachen im Allgäu der Opfer von Hanau gedacht und Solidarität mit den Betroffenen ausgedrückt.

»Wir trauern um die Ermordeten, unser Mitgefühl gilt den Überlebenden, Angehörigen und Freund*innen. Wir sind schockiert, haben Angst und sind wütend. Wir klagen den rassistischen Terror in diesem Land an«, schreibt das Cafe Konnex am Freitag in einem Kurzaufruf zu einer Mahnwache für die Opfer von Hanau. Die Versammlung soll noch Freitag Abend um 17 Uhr am Marktplatz in Memmingen stattfinden.

Um 18 Uhr will Oberbürgermeister Manfred Schilder dann mit einer Rede in der Rathaushalle ebenfalls „ein Zeichen des Mitgefühls, der Solidarität und für multikulturelle Vielfalt in Deutschland“ setzen, so die Stadt. Dann trägt er sich in ein Solidaritätsbuch ein, das am Samstag und Sonntag von 8 bis 16 Uhr ausliegt, damit sich die Bürgerschaft eintragen kann. Als „Zeichen des Zusammenstehens“ soll das Buch dann nach Hanau geschickt werden.

In Oberstdorf findet ebenfalls Freitag um 17.30 Uhr auf dem Bahnhofsplatz eine stille Mahnwache im Gedenken an die Opfer von Hanau statt. Gemeinsam soll dort ein Zeichen für ein friedliches Miteinander und gegen rechten Terror gesetzt werden. Die Mahnwache solle signalisieren: Rassismus hat in Oberstdorf keinen Platz.

Am Samstag ab 14 Uhr will das Kaufbeurer Bündnis Gemeinsam gegen Rechts am Obstmarkt in Kaufbeuren seine Solidarität mit mit den Opfern von Hanau ausdrücken. Im Folgenden dokumentieren wir den Aufruf zu der Versammlung, die zeitgleich mit einer bundesweiten Demonstration unter dem Motto »gemeinsam gegen rechten Terror« stattfindet. Im Folgenden dokumentieren wir den Versammlungsaufruf aus Kaufbeuren.

Dem Terror folgen rassistische Reflexe gegen die Opfer

Wieder eliminiert ein von Ideen der extremen Rechten geleiteter Attentäter Menschen, die seinem Feindbild entsprechen. In der Nacht auf Donnerstag, den 20. Februar, stürmt ein 43-Jähriger eine Bar und einen Kiosk in Hanau, in welchen er davon ausgeht, die in seiner Gedankenwelt richtigen Opfer zu finden, und tötet dort nach Polizeiangaben neun Menschen, anschließend seine Mutter und sich selbst. In seinem Bekennerschreiben (das Allgäu ⇏ rechtsaußen vorliegt), sowie anderen vorherigen Veröffentlichungen äußert er seine rassistische Ideologie. Wie so oft bei solchen Tätern ist diese getrieben von strukturell antisemitischen Verschwörungstheorien.

Dem rechten Terror folgen erneut rassistische Reflexe gegen dessen Opfer. Hier am Beispiel  eines Kommentars der Augsburger AfD, der inzwischen gelöscht wurde.

Dem rechten Terror folgen erneut rassistische Reflexe gegen dessen Opfer. Hier am Beispiel eines Kommentars der Augsburger AfD, der inzwischen gelöscht wurde.

Unmittelbar nach der Tat, als noch keine Details bekannt sind, kursieren Mutmaßungen, die an die »Döner-Morde« erinnern. Mit diesem Begriff wurde die Terror-Serie des NSU zunächst rassistisch den den Opfern selbst zugeschrieben, bis sich nach der Selbstenttarnung des NSU herausstellte, dass Nazis dafür verantwortlich waren. Auch zu Hanau hieß es zunächst, es solle sich um Banden-Konflikte im migrantischen Milieu handeln. So kommentierte etwa die AfD Augsburg gehässig mit den Worten »Deutschland auf dem Weg zum Multi-Kulti-Drecksloch«. Inzwischen ist der Kommentar gelöscht.

»Gesellschaftliches Klima steckt in jeder Patrone«

Obwohl der Täter allein handelte, kann hier nicht von einem Einzeltäter gesprochen werden. Das gesellschaftliche und politische Klima, in welchem sich ein Mensch so weit radikalisieren und mit in sich kohärent schlüssigen, wenn auch wirren, Ideologien aufladen konnte, um diese Tat erst auszuüben, steckt in jeder Patrone. Wenn mit den Begriffen Volk, Nation, Leitkultur und Heimat eine Blut- und Boden-Ideologie beschworen wird, welche Menschen hauptsächlich nach Ethnie und kultureller Identität kategorisiert, gleichzeitig permanent das Eigene als das reine, erstrebenswerte Gute idealisiert wird, schafft dies die Grundlage für solche Taten – und erzeugt auch die Selbstlegitimation des Täters für sein Handeln.

Nach jeder solchen Schreckenstat ist die Empörung groß, die Erschütterung gewaltig, das kollektive Trauern überall. Doch nach Lübcke und Halle ist Hanau bereits das dritte Mal innerhalb von neun Monaten, dass rechte Ideologien für Terror und Mord verantwortlich sind. Wir können nichts ungeschehen machen, wir können allerdings einen Umgang finden, um dem entgegen zu wirken. Wir können aufhören wegzusehen, wenn Kollegen, Freunde, Familienmitglieder, Bekannte Verschwörungsmythen verbreiten. Wir können unsere Stimme, notfalls unsere Hand erheben, wenn wir mitbekommen, dass Menschen rassistisch angegangen werden. Wir können uns sichtbar gegen die weit verbreitete Misogynie positionieren. Wir können rechtsextreme Propagandaakte verurteilen, melden oder auch anzeigen. Wir können unser historisches Bewusstsein und unser Verständnis über Politik, Gesellschaft und die menschliche Psyche schärfen.

Gedenken – und Handeln

Beinahe 200 Menschen sind in Deutschland nach Zählung unabhängiger Stellen seit 1990 rechter Gewalt zum Opfer gefallen.
Beinahe 200 Menschen sind in Deutschland nach Zählung unabhängiger Stellen seit 1990 rechter Gewalt zum Opfer gefallen.

Lasst uns in unserem Umkreis über das reden, was uns in diesem Kontext bewegt, was uns Angst macht. Organisieren wir uns in Gruppen, leisten Aufklärungs- und Bildungsarbeit. Engagieren wir uns im Kampf um die politischen Machtverhältnisse, auf dass diese nicht in die Hände derer fallen, die extrem Rechten Mördern zujubeln, heimlich über deren Taten grinsen oder stillschweigend zustimmen. Akzeptieren wir nicht durch ein falsches Verständnis von Demokratie, dass den Hetzrednern eine Bühne gegeben wird. Zeigen wir zu jeder Zeit, im Bewusstsein der Grenzen unserer Wirkungsmacht, dass wir damit nicht einverstanden sind und nie einverstanden sein werden.

Wir werden also wieder ein Licht des Gedenkens entzünden und wissen, dass es damit nicht getan ist. Für die Toten von Hanau, für alle Betroffenen von menschenfeindlichen Ideologien, die ihnen immer und immer wieder zum Opfer fallen.


Hilfe: Du hast selbst einen Übergriff erlebt?

Dann kannst du Hilfe bei B.U.D. Bayern bekommen. Das ist eine unabhängige Beratungsstelle für Betroffene von rechten, rassistischen und antisemitischen Übergriffen.

Zeug_innen können sich an B.U.D. Bayern wenden, dann wird der Vorfall registriert und Betroffenen geholfen – wenn sie das wollen.

Eltern, Angehörige und Freunde von Jugendlichen, die sich rechts orientieren, können Hilfe bei der Elternberatung bekommen.

Und wenn du selbst etwas gegen Rechts unternehmen willst, steht dir die Mobile Beratung zur Seite.

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