Trauer und Wut nach Hanau

Im Buch Texte nach Hanau verarbeiten 50 von Rassismus Betroffene Schmerz und Wut nach dem rassistischen Attentat vom 19. Februar 2020. Was sie zu sagen haben sollte sich die Mehrheitsgesellschaft endlich hinter die Ohren schreiben.

»Wie willst du uns Heimat sein, wenn / du deine Lippen schmückst / mit Vielfalt und Zusammenhalt, / doch deine Hand uns / sorgsam separiert.« (Sara Morrhad)

Fatih Saraçoğlu (34), Ferhat Unvar (22), Gökhan Gültekin (37), Hamza Kurtović (22), Kaloyan Velkov (33), Mercedes Kierpacz (35), Said Nesar Hashemi (21), Sedat Gürbüz (30) und Vili Viorel Păun (23): Diese neun jungen Menschen ermordete ein rassistischer Attentäter am 19. Februar 2020 in einer Shishabar in Hanau, einem Ort, an dem sie sich sicher fühlten. Schon lange fragen sich von Rassismus Betroffene, was es noch braucht, damit endlich auch gesamtgesellschaftlich ernst genommen wird: Rassismus tötet.

Was bedeutet es für Weißdeutsche, wenn People of Color sterben?

Denn bislang ist das mangels Perspektive und Empathie nicht der Fall, wie Kadir Özdemir im Sammelband Texte nach Hanau eindrücklich vor Augen führt: »Wenn jemand gestorben ist, bleibt kein Stein auf dem anderen und doch geht es für einige so weiter, als wäre Hanau nicht gewesen, als würde man über das Wetter von letztem Jahr sprechen. Was bedeutet es für eine Weißdeutsche, darüber zu lesen, dass People of Color in Polizeigewahrsam sterben? Was macht es mit ihnen und was macht es mit People of Color? Was macht es mit Weißdeutschen, wenn sie lesen, dass eine Justizministerin Sachsen-Anhalts Untersuchungen zu Oury Jallohs Tod blockiert? Geht es ihnen auch durch Mark und Knochen? Müssen sie auch die Übelkeit runterwürgen, wenn #ShamelessSeehofer seine bis zur letzten Patrone gepanzerte Brust vor die Polizei spannt und sie von Rassismus freispricht? Wenn durch die Einzeltäterthese bewusst die Aufklärung von Morden verhindert wird?«

Texte nach Hanau ist das erste Buch von stolzeaugen.books, der ersten Verlagsgesellschaft Deutschlands von und für BiPoC (Schwarze, Indigene und People of Color). Der Band bildet die Stimmen von 50 Menschen ab, die ihre Gefühle und Gedanken, Enttäuschungen und Erwartungen nach dem Anschlag in Hanau am 19. Februar 2020 zum Ausdruck bringen. Wie stolzeaugen.books schreibt, führt der Band aus erster Hand vor Augen: »Während anderswo Karnevalsfeste das Geschehen bestimmten, litt ein großer Teil der Bevölkerung unter dem kollektiven Schock, sowie dem lapidaren bis ignoranten Umgang der Medien – vielfach auch des weißen Freund:innenkreises und Umfelds.«

Trauer, Enttäuschung und Wut

So verpasst die Gesellschaft den Betroffenen eine zusätzliche sekundäre Viktimisierung. Und zwar potentiell allen von Rassismus Betroffenen, die im Gegensatz zur Mehrheitsgesellschaft selbst (hätten) zum Opfer werden können. Und das ist nur eine der vielen wertvollen Erkenntnisse, die diejenigen aus der Lektüre der Texte nach Hanau ziehen können, die sich auf den Perspektivwechsel einlassen. Und das kann durchaus unangenehm werden, es heißt auch, die eigene Komfortzone zu verlassen und erfordert die Bereitschaft, sich die eigenen Privilegien und rassistisches Verhalten vorhalten zu lassen.

Denn die 63 teils mehr poetischen, teils mehr prosaischen Texte sind ehrlich, schonungslos und zutiefst berührend. Viele der Autor*innen verarbeiten darin ihren Schmerz, ihre Trauer, Enttäuschung und Resignation nach Hanau. Einige der Texte sind auch hoffnungsvoll, klagen an und rechnen ab, sind zuweilen wütend und kämpferisch. Vieles davon sollten wir uns hinter die Ohren schreiben.

»Obacht! Wir sprechen Deutsch!/ Obacht! Wir haben Doktortitel! / Obacht! Wir haben deutsche Pässe! / Obacht! Wir bleiben nicht mehr stumm! / Obacht! Unsere Geschichten finden Worte, wir werden laut, / Lauter als Schüsse. / Lauter als euer Schweigen.« (Cri)

 

Texte nach Hanau

stolzeaugen.books, 2021

Gebunden, 132 Seiten

Preis: 24,90 Euro

ISBN: 978–3‑949258–00‑8


Hilfe: Du hast selbst einen Übergriff erlebt?

Dann kannst du Hilfe bei B.U.D. Bayern bekommen. Das ist eine unabhängige Beratungsstelle für Betroffene von rechten, rassistischen und antisemitischen Übergriffen.

Zeug_innen können sich an B.U.D. Bayern wenden, dann wird der Vorfall registriert und Betroffenen geholfen – wenn sie das wollen.

Eltern, Angehörige und Freunde von Jugendlichen, die sich rechts orientieren, können Hilfe bei der Elternberatung bekommen.

Und wenn du selbst etwas gegen Rechts unternehmen willst, steht dir die Mobile Beratung zur Seite.

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