Verbrannte Wörter: Wo wir noch reden wie die Nazis

Fahndungsliste einer vermeintlichen Sprachpolizei oder notwendiges Korrektiv einer jahrzehntelang vergifteten Sprache? In Verbrannte Wörter untersucht Matthias Heine für den Duden die Überreste aus dem Vokabular der Nationalsozialisten.

Was haben die Wörter »Eintopf«, »Banditen« und »asozial« gemeinsam? Diese teilweise unschuldig anmutenden Begriffe gehörten zum propagandistisch und ideologisch aufgeladenen Vokabular der Nationalsozialisten. In seinem neuen Buch Verbrannte Wörter: Wo wir noch reden wie die Nazis – und wo nicht begibt sich Matthias Heine auf die Suche nach den »braunen Flecken« unserer Alltagssprache. Gerade in politisch aufgeheizten Zeiten, in denen vorsätzlich sprachliche Tabus gebrochen werden, ist das Wissen um die Geschichte von Wörtern eine unbedingte Notwendigkeit.

Problematischer Ursprung oft nur schwer auszumachen

Der Journalist, Historiker und Linguist stellt 87 Begriffe auf die Probe und ordnet vorbelastete Begriffe historisch ein, setzt sie in Bezug zu ihrer Verwendung im Nationalsozialismus und gibt eine Einschätzung, inwieweit diese Wörter heutzutage unbedenklich gebraucht werden können – oder eben nicht.

Heine greift dazu auf Vorarbeiten von Historikern, Linguisten und insbesondere die Notizen des Philologen Victor Klemperer zur Sprache des Dritten Reiches (Lingua Tertii Imperii) zurück. Zudem wird anhand umfassender digitaler Archive nachvollzogen, ob etwa erst die Nazis einen Begriff zu propagandistischen und ideologischen Zwecken in die Alltagssprache einführten.

Mit immer wieder überraschender historischer Tiefe sensibilisiert der kundige Autor sein Publikum für den Gebrauch bestimmter Begrifflichkeiten, denn oftmals ist der problematische Ursprung nur noch schwer auszumachen: Während bei Wörtern ohne direkten politischen Bezug der Ursprung in der NS-Zeit im Laufe der Jahre schlichtweg in Vergessenheit geraten ist, können Ausdrücke auch zu Unrecht unter Nazi-Verdacht gestellt werden.

Fahndungsliste für die Sprachpolizei?

Matthias Heine ist da durchaus differenziert. So schreibt er etwa zum doch eher harmlos wahrgenommenen Begriff »Aktion«, es könne angesichts der verhängnisvollen Rolle, die das Wort etwa bei der Vernichtung von Behinderten gespielt hat, »befremden, dass eine Organisation zur Förderung von Behindertenprojekten Aktion Mensch heißt«. Andererseits sei das auch »ein Zeichen dafür, dass selbst belastete Wörter wieder frei werden können.«

Deutlich kritischer ist der Linguist in Sachen »Betreuung«: Trotz aller Kritik, die nach 1945 an dem Begriff geübt wurde, »blieben betreuen und Betreuung allgegenwärtige Modewörter der Organisations- und Behördensprache. Hier deckten sich offenbar die Bedürfnisse der NS-Herrscher und der Bürokratie im demokratischen Staat. Beide konnten ein Wort gebrauchen, das Verwaltungsvorgänge mit einem Anklang von Gefühl und altdeutscher Treue verschönte. Absurder Höhepunkt war, dass 1992 bei der Reform des Vormundschaftsgesetzes das alte Entmündigung für die Aberkennung der Rechtsfähigkeit bei nicht mehr zurechnungsfähigen Menschen durch Betreuung ersetzt wurde – ein Begriff, der zur NS-Zeit als Tarnwort für die Ermordung ebensolcher Menschen diente.« Deshalb plädiert Heine, das Wort gerade im Zusammenhang mit Gruppen, die von den Nazis verfolgt und ermordet wurden, zu meiden. Aus der alltäglichen Verwaltungssprache sei es aber wohl nicht mehr herauszubekommen, bedauert der Historiker.

Dabei geht es, wie Heine betont, »nicht darum, eine Fahndungsliste für irgendeine Sprachpolizei zu erstellen. Sondern es geht darum zu vermitteln, was die Grundlagen jeder angemessenen Ausdrucksweise sind: Sensibilität, Kenntnis der Stilebenen, Sinn für Angemessenheit und – ja – auch das Wissen um die Geschichte von Wörtern.«

Matthias Heine: Verbrannte Wörter. Wo wir noch reden wie die Nazis – und wo nicht, Duden, ISBN: 978-3-411-74266-0, 224 Seiten, 18 Euro

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