Jugend gegen rechte Gewalt in Kempten

Kempten. Zwei Skinheads prügeln auf dem Residenzplatz einen in Pakistan geborenen 19-jährigen krankenhausreif, »Autonome Nationalisten« rekrutieren Mitglieder und gehen eine Demo gegen Rechts an, am Abend werden Jugendliche in eine Schlägerei verwickelt. Rechte Gewalt im März 2009.

Gegen Rassismus und rechte Gewalt protestierten am 21. März 2009 in Kempten knapp 300 junge Leute. Mit Transparenten wie »Kempten ist bunt nicht braun«, »Den Rechten ein Bein stellen« und Sprechchören wie »Ob Ost, ob West, nieder mit der Nazipest« setzte der Demonstrationszug an diesem Samstagnachmittag vor neun Jahren ein Zeichen gegen Rechtsradikalismus.

Das berichtete die Allgäuer Zeitung (AZ) am 23. März, zwei Tage nach der Demo. Passanten hätten den Protestzug zum Residenzplatz »teils erstaunt, teils überrascht, die meisten aber beeindruckt« verfolgt.

Rechte Gewalt: Skinheads prügeln jungen Mann krankenhausreif

»Wir müssen etwas tun, müssen wach rütteln, ein Zeichen setzen, dass Jugendliche gegen Rechts sind«. erklärte einer der Veranstalter damals gegenüber der AZ. Denn »wir müssen uns Rechts in den Weg stellen, immer und überall«, appellierten die junge Leute laut der Zeitung. Ihre Namen wollten die Gymnasiasten aus Angst vor der rechten Szene nicht in der Zeitung lesen.

Erst zwei Wochen zuvor schlugen zwei 19-jährige Skinheads vor der Residenz einen 19-jährigen in Pakistan geborenen Mann krankenhausreif. Deshalb planten die Nazigegner am Tatort eine Kundgebung.

»Autonome Nationalisten« stören Demo und provozieren Auseinandersetzungen

Dort jedoch wurden die Demonstranten von einigen »Autonomen Nationalisten« empfangen, die die Kundgebung störten und provozierten. Die Polizei nahm ihnen ein Transparent ab und schickte das runde Dutzend Rechte fort.

Einige der Nazigegner begleiteten darauf »die Faschisten lautstark und mit vulgären Gesten der Missbilligung in die Innenstadt«, wie es später in einem Bericht auf der linken Plattform Indymedia heißt. Dabei sei es zu Auseinandersetzungen gekommen: »Fäuste und Stühle flogen, leichte Körperverletzungen auf beiden Seiten waren die Folge.«

Die Allgäuer Zeitung berichtet am 23. März 2009 über die Demonstration gegen rassismus und rechte Gewalt (Repro aus dem Bestand des Kemptener Stadtarchiv: S. Lipp)

»Herrenmenschen« mit Gemüse und Eiern beworfen

In der Gasse An der Sutt »waren die Herrenmenschen nun in der unangenehmen Situation, von beiden Seiten durch entschlossene Gegendemonstranten eingekesselt worden zu sein«, schreibt der anonyme Indymedia-Autor weiter. Die Darstellung deckt sich mit dem Bericht der Allgäuer Zeitung. Die Polizei stellte sich zwischen die Lager, konnte aber nicht verhindern, dass die Rechtsradikalen mit Wasserbomben, Gemüse und Eiern beworfen wurden.

Dieser Belagerungszustand soll bis zu anderthalb Stunden angedauert haben. Nachdem die Polizei mit Verstärkung anrückte, wurden die Rechten zum Bahnhof eskortiert. Es wurden Polizeihunde und ein Hubschrauber eingesetzt.

Die Polizei nahm Personalien auf. Laut AZ wurde gegen zwei rechte Störer wegen Verstoß gegen das Versammlungsgesetz und gefährlicher Körperverletzung ermittelt, zwei Polizisten seien durch Fußtritte von Teilnehmern der Demonstration verletzt worden.

Erneute Gewalt am Abend

Zu einer handfesten Auseinandersetzung zwischen Demonstrationsteilnehmern und Personen aus der rechten Szene ist es in der auf die Demonstration folgenden Nacht gekommen. Wie Polizeisprecher Christian Owsinski laut der Mittwochsausgabe der Allgauer Zeitung vom 25. März 2009 erklärte, hätte es vor einer Kemptener Gaststätte zunächst ein Wortgefecht und schließlich eine Prügelei gegeben. Alle Beteiligten seien alkoholisiert gewesen.

Die genaue Sachlage sei noch unklar gewesen. Fest stand jedoch, dass die drei beteiligten Rechten nicht bei der Demonstration gewesen waren. Die Personalien der elf Rechten dort hätte die Polizei festgestellt. Sie sind aus dem Allgäu und dem Augsburger Raum angereist.

Rechtsradikale rekrutieren Mitglieder

Nach der Demonstration ist in Kempten eine Diskussion über die rechte Szene entbrannt. Im Stadtrat etwa wurde debattiert, wieso die Stadt einen rechtsradikalen Infostand in der Fußgängerzone zugelassen hatte, so die AZ am Dienstag nach der Demonstration.

Anhänger der Gruppe Nationales Augsburg versuchten damals Mitglieder in Kempten und Umgebung anzuwerben, bestätigte die Polizei gegenüber der Zeitung. Der Infostand fand wie die rechtsradikale Prügelattacke auf dem Residenzplatz zwei Wochen vor der Demo statt.

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