Diskussion um rechten Auftritt im Kaminwerk

Das Kaminwerk in Memmingen wird für den Auftritt einer Band kritisiert. Ein Ex-Mitglied bastelte Bomben im Umfeld der Thüringer Neonazi-Szene, aus der der NSU hervor ging. 

Vergangenen Samstag traten im Kaminwerk in Memmingen die höchst umstrittenen Limited Booze Boys auf. Der ehemalige Leadgitarrist der Band wurde in den 1990er Jahren als rohrbombenbauender Neonazi im Zusammenhang mit dem NSU aktenkundig. Noch immer trage er laut Recherche und Aktion Berlin Nazi-Tattoos und habe sich bis heute nicht glaubhaft von der rechten Szene distanziert.

Sänger und Manager der band, Tom Kroneberger, werde nicht müde zu betonen, dass es sich bei der Kritik an seiner Band lediglich um haltlose Vorwürfe handele, wobei er die rechten Tendenzen bei seinen Bandkollegen und bei sich selbst konsequent verharmlose, schreibt Recherche und Aktion. Er selbst trägt wie Photos zeigen offenbar gerne rechte Lifestyle-Marken wie Thor Steinar.

Vom langjährigen Bandmitglied Jens H. und Gründungsmitglied Mirko K. ist dokumentiert, dass diese im Internet Beiträge mit rassistischen, nationalistischen und antisemitischen Inhalten verbreiteten. Mirko K. etwa postete NPD-Plakate und Jens H. wähnt nach einem Post auf Facebook offenbar »das deutsche Volk und die gesamte weiße Rasse« Opfer einer vermeintlichen planvollen Ausrottung zu sein.

Screenshot, Facebook

»Bauchschmerzen mit der Band«

Am 9. Dezember spielten die Limited Booze Boys unter dem Motto Wild Christmas für den Motorradclub Born to be wild vor bis zu 450 Gästen im Kaminwerk in Memmingen. Wie im Vorjahr hatten die Rocker das Kulturzentrum für ihre Weihnachtsfeier angemietet. »Eine Fremdveranstaltung«, stellt Matthias Ressler auf telefonische Anfrage am Nachmittag vor dem Konzert klar. Ressler ist erster Vorsitzender des Vereins hinter dem Kaminwerk und sitzt für die SPD im Stadtrat Memmingens.

»Wir sind da durchaus sensibel was das Thema angeht und ich habe mich nicht ganz ohne Bauchschmerzen mit der Band befasst«, meint Ressler. Allerdings sei der damalige Gitarrist »ja nicht mehr dabei und auf der anderen Seite, die Band positioniert sich so, dass sie sich unpolitisch darstellt«. Die Band habe ein schriftliches Statement abgeliefert und dem Kaminwerk versichert, mit Rechtsextremismus nichts zu tun zu haben.

Auf Nachfrage beim Verfassungsschutz seien dem Kulturverein keine Erkenntnisse über einen rechtsradikalen Hintergrund der Band mitgeteilt worden. »Im Zweifel muss ich das eben glauben«, sagt Ressler. Man könne den Bandmitgliedern ja nicht »in die Köpfe sehen«. So hätte er keine Handhabe die Band auszuladen.

Distanzierung oder Lippenbekenntnis?

Schon als Recherchen im November 2012 den neonazistischen Hintergrund des damaligen Leadgitarristen Henning H. an die Öffentlichkeit brachten, erklärte Sänger Tom Kroneberger laut Recherche und Aktion: »Alle anderen Bandmitglieder, einschließlich meiner Person, […] haben mit der rechten Szene nichts zu tun gehabt.« Sowie: »Wir – die Limited Booze Boys – distanzieren uns von jeglicher rechten, sowie extremen Gesinnung«.

Angesichts der Vielzahl dokumentierter nationalistischer, rassistischer und antisemitischer Aussagen von Bandmitgliedern lesen sich diese und weitere Stellungnahmen für die Autoren der umfangreichen Recherche aus Berlin über die Booze Boys »wie blanker Hohn« und »reine Lippenbekenntnisse«. Nachdem einige Auftritte der Band aufgrund der im Raum stehenden Vorwürfe abgesagt worden seien, habe der Gitarrist die Band verlassen. Die verbliebenen Booze Boys hätten sich seitdem als Opfer einer Verleumdungskampagne dargestellt.

Bündnis gegen rechts schaltet sich ein

Auch unter anderem das Bündnis Memmingen gemeinsam gegen Rechts hat Zweifel an der Abgrenzung der Band gegen rechts und konfrontierte das Kaminwerk auf Facebook mit seinen Bedenken gegen die Veranstaltung des Born to be wild-MC:

»Und das findet ihr glaubwürdig, angesichts von Äußerungen über den Erhalt der weißen Rasse, angesichts von Lunikoff-Tattoos und Pegida-, JungeFreiheit- und NPD-Posts?«

Gerade weil das Kaminwerk in der Vergangenheit Veranstaltungen gegen Rechts unterstützt hat, schrieb das Bündnis am Samstag, »hätten wir eine entsprechende Reaktion auf die Berichte über eindeutige, rechtsextreme Äußerungen der Band und ihres Umfeldes erwartet.«

Das Kaminwerk ging zwar nicht weiter darauf ein, signalisierte aber Bereitschaft zu einem »konstruktiven Gespräch«: »Wir wollen uns aber eine kritischen Auseinandersetzung natürlich nicht verweigern«. Eine öffentliche Zusage vom Bündnis oder anderen Diskutanten erhielt die Veranstaltungshalle bislang nicht.

Im Umfeld des NSU

Dass gerade dem Thüringer Landesamt für Verfassungsschutz keine Erkenntnisse über die Limited Booze Boys vorliegen, erscheint kurios. Recherche und Aktion führt einige Beispiele auf, die die Nähe des Thüringer Gitarristen Henning H. zum Kern der Jenaer Neonaziszene der 1990er Jahre, aus der auch der NSU hervorging, aufzeigen. Die ersten Vorwürfe gegen die Booze Boys entstanden im Zusammenhang mit der Selbstenttarnung des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) im November 2011. Einer der Spuren hat Allgäu ⇏ rechtsaußen nachrecherchiert.

Im Jahre 1997 taucht der Name des ehemaligen Leadgitarristen der Limited Booze Boys in einer Ermittlung unter dem Aktenzeichen 114 Js 37149/97 wegen Vorbereitung eines Explosionsverbrechens neben Beate Zschäpe, Uwe Mundlos, Uwe Böhnhart und weiteren Führungsfiguren der Jenaer Kameradschaftsszene auf. Es ging um die Urheberschaft einer mit einem Hakenkreuz bemalten und mit TNT gefüllten Kofferbombe, die am 2. September 1997 am Theaterplatz in Jena aufgefunden wurde.

Die Kofferbombe vom Theaterplatz und bei Neonazis beschlagnahmte Waffen auf einem Bild des LKA Thüringen, 1998

Der Bombenkoffer wies laut einem Dokument des Landeskriminalamt (LKA) Thüringen erhebliche bauliche Übereinstimmungen mit einer zuvor in einem Sportstadion abgelegten Rohrbombe auf. Ein entsprechendes Fabrikat wurde bei Booze Boy Henning H. gefunden, als die Polizei dessen Wohnung in Stadtroda in Thüringen wegen eines Volksverhetzungsdeliktes durchsuchte. Ferner stellten die Beamten Papiere sicher, die unter anderem mit Hakenkreuzen bemalt waren.

In diesem Zusammenhang wurde Henning H., wie aus dem Abschlussbericht des Thüringer NSU-Untersuchungsausschuss (Seite 706, Rn. 994) hervorgeht, Ziel von Observationsmaßnahmen durch das LKA. Im November 2003 verjährte das Verfahren und wurde eingestellt. Beschuldigt waren neben Henning H. auch Ralf Wohlleben und André Kapke, die heute als Unterstützer und Kontaktpersonen des untergetauchten NSU-Kerntrios gelten.

(Titelbild: Limited Booze Boys Pressephoto)

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